Wenn es zu einem Schmöker gehört, dass man ihn wegliest, wie man eine starke Linsensuppe verdrückt, in der alles drin ist, Speck und Wurst, Kartoffeln, Karotten und Lauch, das Ganze mit Essig und Öl, Pfeffer und Salz abgeschmeckt, dann ist dieser Roman ein wahrer Schmöker. Der einzige Einwand, den man gegen ihn haben könnte, besteht darin, dass die Suppe etwas deftig geraten ist, aber wer einen guten Magen hat und nichts von jener literarischen Diät hält, die uns deutsche Gegenwartsautoren allzu oft verordnen, dem wird sie zweifellos munden.

Genug mit der Suppe. Es handelt sich um Literatur, wenn auch mehr U als E. Aber was heißt das schon? Zunächst nur, dass nicht das ästhetische Verfahren im Vordergrund steht, sondern eine unerhörte Begebenheit. Sie soll uns in Bann schlagen, und das tut sie hier. Es geht um Mord. Drei Männer sind auf bestialische Weise umgebracht worden. Ein vierter, den man verdächtigt, springt nach einer atemberaubenden Verfolgungsjagd von einem Aussichtsturm in den Tod.

Anders als die Polizei ahnt der Leser ziemlich rasch, wer der Mörder ist: eine Sechzehnjährige. Sie ist das "allzu schöne Mädchen", das der Titel ankündigt. Ihre Erscheinung macht alle verlegen und sprachlos, eine Erscheinung auch deshalb, weil sie aus dem Nichts auftaucht wie ein Engel. Fast, denn etwas stimmt mit ihr nicht. Sie hat den Körper einer Frau und den Geist eines Kindes. Aber sie scheint keine Idiotin zu sein, sondern begabt und intelligent. Ihr Geheimnis wird am Ende gelüftet. Bis dahin rätselt der Leser über das Motiv der Untat. Weil er ein bisschen mehr weiß als die Polizei, verfolgt er ihre Irrwege voller Spannung. Der Kommissar Robert Marthaler verzweifelt an dem Fall. Wo es weder einen Plan gibt noch einen normalen Grund, sei es Hass oder Eigensucht, ist die Aufklärung schier unmöglich.

Ein guter Kriminalroman ist immer auch das Soziogramm einer Zeit und einer Region. Hier kriegen wir einen farbenfrohen Einblick in die Frankfurter Gegenwart, in die schrille Mischung aus Ebbelwoi und Großbanken, Spießertum und Weltläufigkeit, politischem Gezerre und sozialer Verkommenheit. Jan Seghers scheint sich auszukennen, und das ist auch kein Wunder, heißt er doch mit wirklichem Namen Matthias Altenburg, ein Frankfurter der ersten Stunde gewissermaßen. In seinem Roman Landschaft mit Wölfen (1997) lässt er seinen Helden an der Hässlichkeit der Mitmenschen und Brutalität der Welt verzweifeln. Der junge Mann geht an einem heißem Sommertag durch Frankfurt. Er lädt sich so lange mit schwarzen Fantasien auf, bis nur noch der verbale Amok bleibt. Mit einer bis an den Rand voll getankten Sprachvernichtungsmaschine donnerte Altenburg mitten hinein ins Justemilieu der halbseidenen Neureichen, der grün angehauchten Partyschickeria und der links aufgeklärten Konsumenten.

Eine auf schnelles Geld versessene Gesellschaft

Der Exzess litt an seiner Monotonie, der Wut fehlte das Gegenbild. Hier ist es gleich doppelt da: in diesem überirdisch schönen Mädchen, einer Rächerin aus verlorener Ehre, die erlittenes Unrecht zurückgibt – ohnmächtig und ohne ein Bewusstsein ihrer selbst. Sie ist die unschuldige Mörderin, und ihre Opfer sind die Täter, allesamt Abkömmlinge jenes moralisch verwahrlosten Milieus, das eine auf schnelles Geld versessene Gesellschaft hervorbingt, nicht nur in Frankfurt am Main.

Der Kommissar liebt das gute Essen und die Gerechtigkeit

Dieser mit bitterer Emphase geschilderten Halb- und Unterwelt steht Marthaler gegenüber, ein relativ junger, von schweren Schüben der Melancholie heimgesuchter und das gute Essen liebender Gerechtigkeitssucher. Er ist das zweite Gegenbild zu einem düsteren Panorama, in dem der Mord nur die logische Konsequenz des allgemeinen Irrsinns darstellt. Diesen Irrsinn schildert Altenburg (wie wir ihn nennen dürfen, da er seine Identität auf der Umschlagklappe verrät) mit einer ebenso großen Inbrunst wie Sprachfähigkeit. Wieder haben wir einen drückend heißen Sommer, der die Symptome bloßlegt. Die Detailschärfe in den Beschreibungen des Milieus, sei es das eines Polizeipräsidiums oder einer Kneipe, eines Wachunternehmens oder eines kriminaltechnischen Labors, ist erhellend, die Dialoge sind schnell und zuweilen wunderbar sarkastisch.