Notizen Der Große Kommentator
Botho Strauß macht sich Notizen in der Uckermark über den Verfall der Zeit, über Schlehenblüten und Wärmespinnen
Er hat sich aus der Welt zurückgezogen. Er hat eine Katze. Er hat ein Haupthaus, ein Gästehaus, eine Kornspeicher-Bibliothek und einen Kornspeicher-Sportraum. Er geht mit seinem Sohn zum Pflaumenhain hinunter. Er streift mit den Händen über die Tische, die ihn in jedem seiner Häuser zum Arbeiten einladen. Er ist milder gestimmt mit den Jahren. Bald wird er 60 Jahre alt sein. Die Haut, schreibt er, sei welk, doch innerlich fühle er sich jung.
Sein letztes schmales Buch Die Nacht mit Alice, als Julia ums Haus strich hat die Fachwelt begeistert wie lange kein anderes. Es sprüht vor szenischem Einfallsreichtum und diabolischem Doppelsinn. Es hat ein Gespenst verscheucht, das ihn seit Jahren begleitet. Ein Paradox, ein Selbst-Widerspruch, der seine Essays, allen voran den legendären Anschwellenden Bocksgesang und den Aufstand gegen die sekundäre Welt, seine uckermärkischen Notizbücher Die Fehler des Kopisten und Das Partikular begleitet: ein Schriftsteller ohne Werk zu sein. Ein kluger Kopf, der alles besser weiß und nichts besser macht. Einer wie wir. Oder doch immerhin einer wie Paul Valéry. Ein Oberfeldwebel des Sekundären, der die Unterfeldwebel dafür büßen lässt, dass er selbst diesen Kerker des bloßen Meinens und Dafürhaltens nicht verlassen kann, wann immer er will.
Dieses Dilemma hat das Verhältnis zwischen dem Großen Kommentator und den vielen kleinen Kommentatoren, zwischen dem Obersten Feuilletonisten und den vielen kleinen Diensthabenden des nämlichen Faches lange Zeit getrübt. Nicht zuletzt deswegen, weil die Autorität, die Strauß in den Meinungskämpfen des Sekundären beansprucht, aus einer Teilhabe am Primären herzurühren schien, in das er sich als Schriftsteller (nach seinem spektakulär gescheiterten großen und einzigen Roman Der junge Mann) kaum noch vorwagte. Just aus diesem Missverhältnis, stand zu vermuten, müsse der bellende, steife Ton kommen, in dem der Autor des Bocksgesangs seine Erkenntnisse vorzutragen pflegte und in dem so wenig Nachdenkliches mitklang. Wer schreit, heißt es, hat nicht Recht. Und Recht haben, so schien es, wollte Botho Strauß, der 1968 24 Jahre alt war, um jeden Preis.
Zehn Jahre sind seit dem Anschwellenden Bocksgesang vergangen, und zwischen Strauß und seinen Kritikern ist Frieden eingekehrt. Botho Strauß ist nicht besser, aber die Welt ist schlechter geworden. Was einmal den strengen Beigeschmack des Ressentiments hatte, ist heute willkommene Revolte gegen die schier unerträgliche Ausdünnung und Virtualisierung des Lebens. Früher mochte mancher über den wetternden „Rechten in der Richte“, respektive auf dem märkischen Hügel noch spaßen. Wer jetzt noch immer kein Haus in der Uckermark hat, dem wird das Lachen bald vergehen… Mit anderen Worten: Während vor zehn Jahren niemand etwas wissen wollte von der konservativen Revolution der Verhältnisse, spricht Strauß – noch immer in der Pose des „vollkommen in aller Zeit Isolierten“ – heute aus, was jeder denkt, der sein bisschen Verstand noch nicht zu Markte getragen hat.
Die Minima Moralia, an der Strauß seit Jahren in vielen Fortsetzungen schreibt, ist kein Weltrettungsunternehmen – diesen Part hat für unsere Zeit Alexander Kluge übernommen, auch er ein Anhänger des Glaubens, dass Literatur die Welt nicht unterhalten, sondern verändern müsse. Das Endlosbuch des Botho Strauß ist Untergangsmusik, Klage, Leiden an der Gegenwart, Verklärung einer unbefleckten Vergangenheit, wie sie von Walther von der Vogelweide über Hölderlin bis Handke zum Sonderweg deutscher Literatur geworden ist. Gestern, so geht diese Melodei auch in dem neuen Buch weiter, gestern war alles noch heiter, gestern herrschten noch Passion und Mythos, verbarg sich „das Höhere“ hinter jeder noch so mittelmäßigen Stirn, heute hingegen (hier kommt ein denkwürdiger Begriff von Friedrich Schlegel zu neuen Ehren) werden wir nur noch mit dem „Interessanten“ abgespeist, heute haben Simulation und Dekor den Rang einer ursprünglichen Kraft: Wir halten „die Tapete für die Wand, den Trick für ein Mysterium, Brot und Spiele für Kultur“.
Endlos ist die Kette der Verfallserscheinungen, die uns dieser verlorene Sohn des Westens und der Aufklärung vorrechnet. Aus Worten seien Passworte geworden, der Fortschritt bringe mehr Verluste als Gewinne, im Erotischen hätten wir „unser Berührtsein“ geopfert, unsere „sinnliche Unterscheidungskraft“ sei verloren, das moralische Empfinden für die allgegenwärtigen „Verbrechen der Intimität“ sei abhanden gekommen, die Unterhaltungsindustrie habe selbst die Intellektuellen zu Kollaborateuren gemacht.
Daran ist wenig oder nichts auszusetzen, das ist glänzende Kulturkritik, Kapitalismus- und Fortschrittskritik, die zu kritisieren uns nicht einfällt. Wir sind einverstanden, wir wissen, wo das herkommt, wir ahnen, wo das hingeht. Warum lesen wir diese Notate dennoch mit Ungeduld?
Vielleicht, weil sie uns so bekannt vorkommen, so begrüßens- und unterstützenswert wie nur je eine Agitation im Dienst der Dialektik der Aufklärung. Doch das wäre noch kein Nachteil. Fehlt der Agitation doch inzwischen jedes ideologische Fundament, jedes Ziel, seit Mythos und Nation, die beiden wichtigsten Aspiranten auf diesen Thron, abgedankt haben. Die starken, sich selbst begründenden Begriffe aus dem Fundus der Gegenaufklärung, die Strauß früher wie goldene Eier in seine Aufsätze zu streuen beliebte – das Unsere, die alten Dinge, das Hergebrachte, die Überlieferung, das Gesonderte, das Unheil –, haben schwächeren, unbehausteren Formulierungen der Anklage Platz gemacht. Der alte stolze Glaube an die Wiederkehr des Gleichen ist von einer verletzlichen Melancholie abgelöst worden: „Es läuft auf nichts hinaus…“. Das ist so traurig und zeitgemäß, dass Botho Strauß wieder wie zu Zeiten seines Frühwerks als Seismograf des intellektuellen Zeitgeistes gelten muss.
- Datum 25.03.2004 - 13:00 Uhr
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- Serie belletristik
- Quelle (c) DIE ZEIT 25.03.2004 Nr.14
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