Erzählungen Der Dreck und das Heilige

Feridun Zaimoglu will ein richtiger Dichter werden

Man hat Feridun Zaimoglu gelegentlich einen Sozialromantiker genannt. Tatsächlich aber hat er seine Leser und Zuhörer zu solchen gemacht. Sie haben in der türkischen Jugend von Kiel die rebellierenden Briganten des linken europäischen Freiheitskampfes wiedererkannt und in deren Sprache, einem von Zaimoglu geschickt konstruierten „wildwüchsigen“ Gossenidiom, die Poesie der Unterdrückten, vom Rotwelsch der Zigeuner bis zum Rap aus der Bronx. Das war ein schönes Stelldichein von wilder Sehnsucht des bürgerlichen Lesespublikums und cross-kultureller Kraftmeierei eines begabten Selbstdarstellers. Das ist Vergangenheit, die Show ist vorbei. Und das Schönste ist: Keiner hat einen Kater oder auch nur ein schlechtes Gewissen. Denn alle haben immer schon gewusst, dass sie ein Spiel zusammen spielen: der selbstherrlich virile Deutschtürken-Darsteller, viel zu klug, seinen eigenen Phantasmen zu erliegen, hat diese vielmehr ausgeschöpft in fünf Büchern. Und das Publikum hat ihm ebenso lange eine Aura nur geliehen, weil es keinen Augenblick daran glaubte, in der Kanak Sprak ein authentisches Sprechen zu vernehmen, weil es wusste, dass Zaimoglu ein begnadeter Metaphoriker ist, der seine Vergleiche aus einem literarisch nicht approbierten Alltag bezieht. Die Überwertigkeit von Sexualität, Körper und Gewalt schließlich gab diesem Konsenskampf von Autor und Publikum erst seine richtige Würze, und die Projektionen durften ins Kraut schießen.

Auch das kann und darf Literatur, aber es verläuft sich. Zaimoglu arbeitet nun schon eine ganze Weile an einer neuen Fasson seiner selbst als Schriftsteller. In seinem ersten Buch, das nicht mehr vorgibt, Stimmen anderer zu kolportieren, in seinem Briefroman Liebesmale, scharlach rot, hat er die türkisch-deutschen Kontraste in einem sprachlichen Überbietungswettbewerb herausgehämmert. Dagegen ist der Roman German Amok eine engere kulturkritische Übung, verursacht durch den unbedingten Willen zur Provokation. Doch selbst die gehäuften Unflätigkeiten konnte man Zaimoglu nicht übel nehmen, man wollte die zarte, verletzliche Seele im groben Panzer nicht übersehen, den Romantiker im Wolfspelz.

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Das ist der Stand der Zaimoglu-Dinge am Beginn von Zwölf Gramm Glück, seinem ersten Band mit „richtigen“ Erzählungen. Was soll das heißen: „richtig“, wo gibt’s denn so was? Ganz am Anfang zum Beispiel, in Fünf klopfende Herzen, wenn die Liebe springt. Ein junger Mann aus dem Hamburger Schanzenviertel verliebt sich in eine hübsche Frau, die ihn an einem grauen Wintertag mit ihrem Mini Cooper anfährt, na ja, leicht mit dem Kotflügel touchiert. Er ist hin und weg, während um ihn herum die subkulturelle Szene sich für eine Schlacht mit der Polizei rüstet. Wie sich vor diesem Hintergrund die Liebe spinnt an einem einzigen Tag, das erzählt Zaimoglu mit großer Raffinesse.

Nun sind nicht alle zwölf Liebes- und Glückserzählungen gleich gut gelungen, zudem wird ein etwas schematisches Konzept erkennbar, das man schon anhand der Schauplätze umreißen kann. Es beginnt in deutschen Großstädten, säkular und liebesdramatisch, dann werden die Konflikte türkischer, die Geschichten vom Konflikt zwischen Tradition, Religion und Moderne dialogischer, szenischer, gewissermaßen essayistischer; und sie weiten sich wieder im zweiten Teil, der in ein Anatolien der Fantasie führt und – nach Diesseits für die ersten sieben Geschichten – mit Jenseits überschrieben ist. Jenseits, das ist ein nicht genau benannter ferner asiatisch-muslimischer Lebensraum, der bewusst so traumhaft fremd und archetypisch aufgeladen ist, dass man sich doch häufig im spintisierenden Kopf eines literarischen Orientalisten wähnt. Häute, die erste jenseitige Erzählung, mit der Zaimoglu im vergangenen Jahr in Klagenfurt reüssierte, ist noch die konkreteste. Ein Rückkehrer scheitert am dichten Gewebe archaisch-dörflicher Symbolik (als Bild: ein beflecktes Hochzeitslaken) und wird verjagt wie ein Hund. Dann geht es tiefer hinein in Verfall, Wüste und Islamismus. Der prophetische Sound von heiligen Gottesknechten wird angeschlagen und konfrontiert, manchmal auch durchmischt, mit Frivolität und Brutalität von Entrechteten und Unterdrückten. Der Dreck und das Heilige, verrottetes Aas und göttliche Gnade, Illumination und Totschlag, Geschäftemacherei und Aberglaube: die vormoderne Welt ist vollends aus den Fugen und weit davon entfernt, aus der Entgegensetzung der Kulturen Sehnsucht und Qual zu entwickeln, wie es zum Beispiel Martin Mosebach in seinem Roman Die Türkin versucht hat. Zaimoglu wird hier zunehmend elliptischer, und was parabelhaft gedacht sein mag, zerfasert in schrillen Tonlagen. Die Reise geht ins Fremde, ins Jenseitige, aber leider auch ins Ungefähre.

Doch mendelt sich ein schönes paradigmatisches Ende heraus, das noch einmal die Wandlung Zaimoglus beleuchtet. In Ein Liebesdienst ist der sex- und minnebesessene Erzähler einmal mehr ein Strichjunge, in einer fernen heruntergekommenen Stadt. Er stellt einer Touristin nach, die ihn zunächst abweist, abends aber zu ihm kommt. Sie leidet unter Schlaflosigkeit. Und der „Mietrüde“ gibt der Frau: Geschichten. Zweifellos eine selbstbezügliche Wendung am Schluss, schön kaschiert und einleuchtend. Am Ende aller religiösen Verwirrung: der erzählende Romantiker. Der Leser ist wieder wach, die Frau übrigens immer noch. Nur der Erzähler schläft, er hat es verdient, er hat den Höhenkamm der Literatur erreicht, na ja, zumindest touchiert.

Feridun Zaimoglu: Zwölf Gramm Glück Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln 2004; 235 S., 17,90 €Zwölf Gramm GlückErzählungBelletristikFeridun ZaimogluBuchKiepenheuer & Witsch2004Köln17,90235
 
  • Serie belletristik
  • Quelle (c) DIE ZEIT 25.03.2004 Nr.14
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  • Schlagworte Feridun Zaimoglu | Literatur | Klagenfurt | Erzählung
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