Gesammelte Werke Nähmaschine? Denkmaschine!
Peter Hacks schrieb seine Kinderbücher für zukunftsträchtige Menschen
Über die Vortrefflichkeit eines Schriftstellers kann man nicht reden, ohne die Unzulänglichkeit seiner Kollegen zu erwähnen. Es verhält sich hier wie mit dem Himmelreich oder der sozialistischen Utopie, die man ja nur dann in ihrem ganzen Glanze würdigen wird, wenn man das irdische Jammertal kennt. Was eine Sache ist, sieht man am leichtesten daran, was sie nicht ist. Oder mit den Worten des 1928 in Breslau geborenen, in der DDR zu Ruhm gelangten und leider im vergangenen Jahr verstorbenen Peter Hacks: „Man erklärt einem Menschen am verständlichsten, was er sei, indem man ihn auffordert, kein Frosch zu sein.“
Den meisten Kinderbuchautoren gelingt das nur schwer. Sie haben einen Hang zum Mickrigen und Grünschnäbeligen, sie umgeben sich am liebsten mit Prinzessinnen, Dorfpolizisten und Affen. Blind für die Komplexität des Komischen delektieren sie sich an der Redeweise von Kindergartenkindern, sprechen stets mit zu hoher Stimme und halten alles Kleintierhafte für besonders graziös. Anders Peter Hacks. Seine Kinderbücher sind mindestens so immens klug und so königlich schön formuliert wie seine Dramen, Gedichte, Essays. Drei der fünfzehn Bände seiner Werkausgabe im Eulenspiegel Verlag verzeichnen Literatur für Kinder, die insofern für Kinder ist, als überdurchschnittlich viele Affen darin vorkommen, aber voll ausgewachsen hinsichtlich ihres extravornehmen Wortschatzes und ihrer geistreichen Grammatik. Der Verfasser war überzeugt, dass alles Dichten bedeutend sein soll und daher Platz beansprucht. „Sehr kleine Tiere beispielsweise sind weder besonders denkbegabt noch empfindungsfähig. Mit Kerfen ist nicht viel los. Kleine Kunst ist selten Kunst, meist eben Kleinkunst.“
Hacks hingegen schreibt für das groß empfindende Kind, für den vorläufigen Menschen, der nach Zukunft und nach Fragen wie „Brauchst du nötiger eine Nähmaschine oder eine Denkmaschine?“ hungert. Kinder haben einen ungenauen und heiteren Bezug zur Wirklichkeit, aber eine Vorliebe für alles Wirkliche, Erwachsene, denn das ist ihre Hauptbeschäftigung: Erwachsenwerden. Anders als gewisse Eltern verachten sie das Kindische und trachten danach, es zu überwinden. An einem Roman wie Liebkind im Vogelnest, an einem Märchendrama wie Armer Ritter und an einer Geschichte wie Fledermausohren mit Salpetersoße kann man ablesen, was Lesevergnügen bedeutet: die einfachsten Dinge überraschend in großen Stoff verwandelt zu sehen.
„Du bist ein erfreuliches Kind, sagte das Gerippe. Mein dringender Wunsch ist, dir ein paar Taler zu schenken, sagen wir zwölf oder hundert. – Ich hatte höchstens mit einem gerechnet, sagte Oliver bescheiden. – Unglücklicherweise, fuhr das Gerippe fort, kann ich mir diesen Wunsch nicht erfüllen. Das Geld ist genau abgezählt. Wenn ich es das nächste Mal zähle, würde ich die Taler vermissen und an meinem Verstand zweifeln. Nichts ist verdrießlicher, als wenn einer an seinem eigenen Verstand zweifelt.“ Einen derart hypertrophen Dialog muss man anderswo mit der Lupe suchen, auch das feine Wort „verdrießlich“ kommt kaum mehr vor, obwohl die Verdrießlichkeit und die Hypertrophie in der Welt zunehmen.
Das Rad neu erfinden heißt schlecht damit fahren
Wer aber die Welt fürchtet, der wird keine mutigen Sätze vollbringen, sondern zeitlebens im präformalen Zustand der Harmlosigkeit stecken bleiben. „Kurz nachdem Onkel Titus aus Brasilien zurückgekehrt und Oberingenieur im Braunkohlenwerk Schwarza geworden war, hatte er einen neuen, sehr großen Bagger erfunden.“ Man kann hier die kühne, undogmatische Denkweise des Kommunisten Hacks genau studieren. Brasilien – das ist das Vergangene, also der Kapitalismus. Braunkohle – das ist die DDR, also der Sozialismus. Der Bagger schließlich symbolisiert die Zukunft, und Onkel Titus hat keine Scheu, sie unter Ausnutzung der offenbar in Brasilien erworbenen Spezialkenntnisse (Maschinenbau!) zu gestalten. In der Sowjetunion der zwanziger Jahre nannte man dieses Verfahren Erbeaneignung, in der verflossenen DDR war es heiß umstritten, nur in der Gegenwart ist es nicht mehr populär, was zur Folge hat, dass Menschen, die sich auf ihre Unkenntnis des Landes Brasilien einiges einbilden, ständig das Rad neu erfinden und jedes Mal schlecht damit fahren.
Peter Hacks plädierte entschieden für die Kenntnis der Vergangenheit, überhaupt für möglichst viele Kenntnisse, gerade bei Kindern. Deshalb bombardierte er sie mit Ausdrücken wie Oberingenieur, Zikade, Grobschmied, Röhricht und Nutzanwendung. Er glaubte, dass Kinder aufgrund ihres natürlichen Mangels an Nachrichten begierig auf Namen wie Kalypso, Telemach oder Dietrich von Bern seien und dass sie ihre Unwissenheit durch ein besonderes Talent zum Metaphernlesen ausglichen. Was der adulte Kunstlaie schwer kapiere, schreibt Hacks in den Maßgaben der Kunst, erfasse das Kind sofort: Kunst meint mehr, als sie benennt.
Kinder lernen in der Schule bis über hundert zählen, treffen aber nie auf eine Menge von hundert zusammenzählbaren Gegenständen. Sie lesen von Revolution, Ehe, Tod, ohne all das je gesehen zu haben. „Aber mittels ihrer urwüchsigen Hirne gehen sie mit diesen sinnlosen Worten richtig um und setzen sie ins Verhältnis, als kennten sie ihre Bedeutung. So sind sie am Ende doch nicht ganz unvorbereitet, wenn die Schreckstunde kommt und sie der Zahl hundert oder der Ehe im Leben begegnen.“
- Datum 25.03.2004 - 13:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Serie kinder-jugendbuch
- Quelle (c) DIE ZEIT 25.03.2004 Nr.14
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







