Der kenntnisreiche und erfinderische Andreas Thalmayr, Verfasser des unersetzlichen Handbuches Das Wasserzeichen der Poesie oder die Kunst und das Vergnügen, Gedichte zu lesen (1985) hat ein neues poetologisches Buch vorgelegt, das sich umstandslos an Zwölf- bis Zwanzigjährige wendet und auch ihren Eltern Nachhilfe verspricht. Zweifellos leistet der Band mit seiner schönen Typografie, seiner angenehmen Haptik, was er verspricht: "Erste Hilfe für gestreßte Leser", wobei die Zwanzigjährigen unterfordert werden, während manche Eltern vermutlich Neuland betreten. Gedichte fallen in das Hoheitsgebiet der Schule, allein aus diesem Grund sind sie verdächtig, deshalb legt sich ein Mehltau der Langeweile auf sie. Dass der Stress nicht eigentlich durch die vergleichsweise unschuldigen Gedichte verursacht wird, sondern im routinierten, erstarrten Umgang mit Gedichten sowie "diesen gefürchteten Interpretationen", wer wüsste dies nicht.

Andreas Thalmayr ist der heteronyme Zwilling von Hans Magnus Enzensberger, der ihn gutmütig und generös an seinem reichen Wissensfundus, seinem leichtfüßig didaktischen Geschick laumeiern lässt. Enzensberger wiederum hat die Behandlung, Bevormundung und die häufige Zermalmung des Gedichts im Unterricht seit seinem Essay Die Entstehung eines Gedichts (1962) hinter sich gelassen, vermutlich ist dazu wirklich für drei Generationen alles gesagt. "Das Reden über Poesie ist weit beliebter als die Poesie", hieß es darin. Leser sind häufig schulische Zwangsleser, denen mit der Methodik der Gegenstand, auf den diese anzuwenden ist, selbst verleidet wird.

Und so beginnt Thalmayr mit den einfachen Dingen, aus denen sich die komplizierteren Texte entwickeln – Lyrik light –, dem Formenkanon, den Rhythmen, den Reimen, dem Urstoff des Poetischen. Wo immer es möglich ist, vermeidet er Fremdwörter und Fachtermini – oder streut sie so beiläufig ein, als wolle er mit Mehrwissen niemanden einschüchtern oder belasten. Das führt zu einer großen Einlässlichkeit, souveränen Vereinfachungen, einem freizügigen Umgang mit dem Anschauungsmaterial der Gattung. Jemanden betulich an die Hand zu nehmen, ihn auf die Schönheit der Gipfelpanoramen der Dichtung hinzuweisen ist nicht seine Art. Das hört sich zum Beispiel so an: "Ein dritter Grund dafür, daß die Dichter sich jahrhundertelang an den Reim gehalten haben, ist, glaube ich, der, daß ihnen dabei Dinge eingefallen sind, auf die sie sonst nie im Leben gekommen wären. Der Reim ist eben auch eine Ideen-Maschine." Die Bescheidenheitsformel "glaube ich", die vermutlich jedem Referendar in der ersten didaktischen Sitzung ausgetrieben wird, ist erfrischend in einem solchen Buch, das die Regelpoetiken nutzt und doch eine Lanze für das Offene der dichterischen Produktion bricht. Doch manchmal nervt der Versuch, auf gleicher Augenhöhe mit den jugendlichen Lesern zu sprechen.

Das Vergnügen an Worten, an Lauten, an Rhythmen, am Reichtum der kleinen Form, in der fast alles möglich ist, kommt nicht zu kurz. Im Gegenteil, Thalmayr läuft zur Hochform auf, wenn er den Lesern am Ende Vorschläge macht, für den Fall, dass sie selbst Gedichte schreiben wollen. Sie sind höchst brauchbar, gehen von zum Teil bekannten Schreibspielen aus, von der Lust an der Erfindung, der Einhaltung von Regeln und dem sanften Übergang vom Spiel zur Arbeit und zurück zum Spiel, in dem ein Freund und Helfer immer bereitsteht: der Papierkorb. Wer den verschmäht, dem hilft nur, was alle Virtuosen getan haben: üben, üben, üben. Doch dabei muss Thalmayr die Novizen allein lassen.

Grenzenlos allein ist auch der Gymnasiast Adrian, der ein Liebesgedicht von Goethe mit einem der Verfasserin vergleichen muss und einen höflichen Brief schreibt. "Sehr geehrte Frau K! Es mag für Sie merkwürdig erscheinen, dass ich mich an Sie wende, aber bei Goethe habe ich keine Chance mehr gesehen. Es wäre daher super nett, wenn Sie mir kurz und wenn möglich bald antworten könnten. Ich bin über jeglichen Hinweis dankbar!"