Sie heißen Ali, Ugur und Hasan. Sie sitzen, das Hemd bis obenhin zugeknöpft der eine, im karierten Pulli der andere, die blau-weiße Strickmütze auf dem kahlen Schädel der dritte, im Café Marmara unweit des Heinrich-Heine-Platzes im Berliner Bezirk Kreuzberg. Hierher kommen sie jeden Morgen, schlürfen aus kleinen Gläsern süßen Tee, lesen ihre türkische Zeitung oder spielen Okey, eine Art von Scrabble mit Zahlensteinen. Ali, Ugur und Hasan sind Rentner, in Deutschland über die Jahrzehnte ergraut. Das Marmara ist für sie geworden, was einst das Café im heimischen Dorf gewesen war: Treffpunkt, Aufenthaltsraum, Lebensmittelpunkt.

Im Sommer 1961 stand Ali im deutschen Anwerbebüro in Istanbul, die beiden anderen ein paar Jahre später. Splitternackt standen sie da, auch noch vor einer blonden deutschen Krankenschwester. Der deutsche Arzt leuchtete ihnen mit der Taschenlampe ins Gebiss und kniff sie ins Gesäß, wie man auf dem Viehmarkt Gäulen ins Maul schaut und auf die Kruppe haut. Sie hatten schon einiges überstanden: den endlosen Papierkrieg und die fachliche Prüfung in einem Betrieb. Nun diese tief erniedrigende Gesundheitsuntersuchung, "aus seuchenhygienischen Gründen". Am liebsten hätten sie wieder kehrtgemacht. Indes scheuten sie die Schande, das Gelächter, die Schadenfreude der Nachbarn, dass sie nach all ihrem Hoffen, all ihrem Prahlen auch, sie würden in Deutschland ihr Glück machen, doch zu Hause blieben – nein, das wollten sie nicht auf sich nehmen.

Also unterschrieben sie den Arbeitsvertrag. Die "Legitimationskarte" mit dem Bundesadler war es ihnen wert. Ein Jahr, zwei Jahre lang würden sie sowieso nur in der Fremde bleiben. Wenn sie hart arbeiteten und genügsam lebten, würden sie mit einem gebrauchten Mercedes zurückkehren können – und mit genug Erspartem, um ein kleines Häuschen zu bauen, einen Taxibetrieb aufzumachen, ein Geschäft zu eröffnen oder ein Stück Land mit Olivenbäumen zu kaufen, vielleicht ein paar Ziegen und Schafe dazu. Sie träumten den Traum vom großen Alemanya, von dem sie so viel erhofften und so wenig wussten.

Seitdem sind Jahrzehnte vergangen. Sie sind nicht heimgekehrt. Und dann kamen die Kinder, später die Enkel. Aus der Einzimmerwohnung ging es in die Dreizimmerwohnung. Die Jobs wurden besser; in der Türkei gab es immer wieder Militärputsche, Wirtschaftskrisen, Inflationsschübe. Manch einer ging trotzdem zurück. Die Mehrzahl schlug Wurzeln in Deutschland, wie die vielen Arbeiter aus den anderen Ländern auch. Im Laufe der Zeit wurden sie immer mehr. Heute ist fast jeder zehnte Einwohner der Bundesrepublik ein Ausländer. Die Hälfte ist schon 20 Jahre hier. "Heimkehren in die Türkei?" Im Café Marmara macht Ali eine wegwerfende Handbewegung. "Ich habe dort nichts", sagt er. "Meine vier Töchter leben hier, sind Deutsche geworden." Er hat sein Auskommen: 450 Euro Rente pro Monat, plus Wohngeld. Für ihn und seine Frau reicht es.

Zu Hause war er Bauer gewesen. Eine Großstadt hatte er nie gesehen. In Düsseldorf hat er als Bauarbeiter angefangen, dann ging er in eine Neußer Betonfabrik, schließlich kam er als Putzkraft in Aachen unter. Im Jahre 1980 hörte er von der Berlin-Zulage, mit der die geteilte und nach Osten zugemauerte Stadt Arbeitskräfte anzulocken suchte. Einige Arbeitskollegen zogen mit ihm. Seitdem lebt er in Kreuzberg. Über den Kulturschock des Anfangs ist er längst hinweg, genauso wie Hasan und Ugur.

Sie erinnern sich: Die Reise begann im Bahnhof Istanbul-Sirkeci. Die Fahrt nach München dauerte 55, manchmal 70 Stunden. Ein Verpflegungspaket gab es und eine Flasche Wasser. Ausstrecken konnte sich niemand, nicht einmal den Kopf konnte man anlehnen, denn die Bundesbahn setzte jahrelang Nahverkehrswaggons mit niedrigen Rückenlehnen ein. Im Winter fiel oft die Heizung aus.

Auf die Ankömmlinge warteten düstere Ausländerlager, Werksbaracken, in denen zum Teil schon Hitlers Zwangsarbeiter untergebracht waren, Abbruchwohnungen und Wohnheime. Dort fanden sie oft nicht mehr als einen Bettplatz; sechs Quadratmeter pro Person entsprachen der amtlichen Mindestanforderung.