Hector Berlioz Der Mann, der die Frauen vertonte

Wahnsinn, Gotik, Sex – Neue Berlioz-Einspielungen betonen die Triebkraft unerfüllter Liebe. Kein Komponist hat so viel eigenes Leiden in seine Musik gebracht

Nach dem 11. September war nichts mehr wie vorher. An jenem Dienstag des Jahres 1827 saß Berlioz im Pariser Odéon und erlebte erstmals ein Stück von Shakespeare. Als Ophelia stand Harriet Smithson auf der Bühne, und der 23-Jährige war wie vom Blitz getroffen. Er irrte ziellos durch Paris, Stunden und Tage. Als er wieder halbwegs bei Sinnen war, komponierte er ein Lied. „Zerrissene Herzen werden sich darin vielleicht wiedererkennen“, schrieb er später. Zerrissene Herzen erkennen sich bei Berlioz überall wieder. Kein anderer Komponist hat vom eigenen Lieben und Leiden so viel in seine Musik gebracht. Über den neuen Berlioz-Einspielungen meint man ein Motto zu erkennen:

Die Elegie des Zerrissenen hat der Bassbariton Jérôme Correas aufgenommen, mit eher erinnerndem als stürmendem Pathos. Arthur Schoonderwoerd begleitet ihn auf einem würzig tönenden 1836er-Pianoforte der Firma Pleyel, mit der Berlioz ebenfalls in heikler amouröser Verbindung steht: 1831 hatte er seine Geliebte Camille Moke verloren, eine junge Pianistin, an den reichen Klavierfabrikanten Pleyel. Sie hatte ihm aber ohnehin nur die Jahre des Wartens auf den Moment verkürzt, in dem Harriet Smithson ihn erhören würde. Um Harriets Aufmerksamkeit zu erregen, organisierte der junge Unbekannte sogar ein Konzert mit eigenen Werken. Und zwei davon haben das Orchestre National du Capitole de Toulouse und der Chor Les Eléments unter Michel Plasson aufgenommen.

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Das eine ist La Révolution grecque, geschrieben für den Freiheitskampf der Griechen, nach furiosem Anfang ein bisschen im „Volksstil“ der 1790er erstarrend, bis im Finale echter Berlioz hervorbricht mit unberechenbaren Akzenten und Rückungen. Das andere Werk ist La mort d’Orphée, und wenn da die Furien den Barden zerreißen, wird es spannend. Harriet nahm keine Notiz davon, denn Berlioz, 26, war in Paris noch immer eine Randfigur. Doch schon jetzt entstand das Thema, das einmal zu den berühmtesten der Musikgeschichte zählen würde als Leitthema der Symphonie fantastique. Es galt zuerst einer tragischen Frauengestalt, der Herminie, aber schon in dieser scène lyrique wirkt es stark. Die Aufnahme mit Mark Minkowsky ist an Genauigkeit nicht zu überbieten, die schlankstimmige Solistin Aurélia Legay leuchtet wie eine Marienerscheinung.

Berlioz befasste sich unablässig mit tragischen Frauengestalten. Er schuf für Marguerite (Goethes Faust in Nervals Übersetzung) Töne, die zu den anrührendsten in seiner Musik gehören. Ein Englischhorn klagt über Streicherwellen, die Sopranistin beginnt eine Art Strophenlied, das aber bald aus der Fassung gerät, den Emotionen in extreme Intervalle folgt, dazwischen immer wieder das Englischhorn, das um alles trauert – die verlorene Ruhe, die Ferne des Geliebten. Hier kommt man Hektors heißem Herzen so nah wie selten. Zumindest in der wunderbaren Aufnahme mit Susan Graham und Charles Dutoit, der die Huit Scènes de Faust von 1829 eingespielt hat.

Im selben Jahr entstand auch La mort de Cléopâtre. Wieder erstaunt man vor der Bildhaftigkeit. Bratschentöne kriechen als Giftschlange an der Königin hoch, mit deren Leben auch die Musik zerbricht. Es sind am Ende mehr Zeichen als Klänge, Hieroglyphen für Orchester. Das Orchestre National de Lille und Mezzosopranistin Béatrice Uria-Monzon folgen diesem Monodram fokussierter als die Wiener Philharmoniker und Olga Borodina, die am Text vorbei nur große Stimme vorführt. Kleopatra, Herminie, Marguerite – sie alle liehen ihr Leiden dem Komponisten, dessen Liebe zur unerreichbaren Harriet schon ironische Flecken bekommen hatte und in Worten nicht zu sagen war. Aber in einer Sinfonie.

Man sollte die Symphonie fantastique von 1830 trotzdem nicht nur als autobiografische Musik hören. Hier werden auch ganz andere Eindrücke verarbeitet, und Mark Minkowski macht das mit philologischer Genauigkeit klar. Das stets sich wandelnde Material der Töne wird oft wichtiger als das poetische Denken, mit dem Berlioz zu dieser formal entgrenzten Musik gekommen ist. Deutlicher als sonst hört man nun, wo sich seine Offenheit fürs Fragmentarische mit Tendenzen des 20. Jahrhunderts trifft.

Wenn in der finalen Danse Macabre die Glocke schlägt, wirkt das in dieser präzisen Aufnahme nicht schaurig, gotisch, opiumberauscht. Es könnte auch ein Pariser Platz um 1960 sein, auf dem es nach Benzin riecht, während ein Avantgardist koffeinberauscht sein Klangmaterial durchdenkt. Da passt es, dass der gleißende Schlussakkord auf den Hörer zurast wie ein metaphysischer Linienbus und, perfektes Timing, kurz vorm Aufprall ohne Bremsweg stoppt. Was aber in dieser Aufnahme oft fehlt, ist die brennende Emotionalität des Komponisten, für den Kunst, Liebe, Leben doch untrennbar waren. Fermaten fehlt die gierige Emphase, hochrasenden Geigenskalen das triumphale Drängen. Das findet man bei den Wiener Philharmonikern unter Valery Gergiev – freilich um den Preis der Differenzierung. Dafür gibt es Wahnsinn, Gotik, Sex, Schwindelgefühle. Und die erfassten endlich auch Harriet Smithson.

Die Uraufführung der Sinfonie 1830 hatte Berlioz berühmt gemacht, seine unglückliche Liebe wurde Stadtgespräch, das bis zu Harriet drang. 1832 wagte sie sich in eine Aufführung der Fantastique und war geliefert. Die Hochzeit fand ein Jahr später statt, ein weiteres Jahr später kam Sohn Louis zur Welt. Und Harriet Smith begann, eine jener unglücklichen Frauen zu werden, die ihr Mann schon vertont hatte. Ihr Stern am Theaterhimmel sank. Als Berlioz 1839 seine szenische Sinfonie Roméo et Juliette abschloss, war das auch ein Denkmal für eine schon erlöschende Liebe. Kein steinernes, sondern ein unendlich nuancenreiches, in dem die frühere Drastik und Dämonie milder Tiefe und elfenhaftem Schweben weicht. Pierre Boulez hat die Sinfonie mit dem Cleveland Orchestra eingespielt, klar und genau, mit feinen, auf Ravel vorweisenden Farben.

Hector kam zu Harriet nur noch als Besucher zurück. 1850 erkrankte sie schwer an einer Lähmung, starb vier Jahre später. Den Tod der Ophelia, seiner Ophelia, hatte er schon in Töne gefasst, als Harriet und er noch zusammen waren. Ein Chor schildert, wie sie verwirrten Geistes ertrinkt. Eine Stimmführung von lähmend neoklassizistischer Starre, darunter ein Orchesterklang vereinzelter Gesten, karger Oktaven, liegender Töne, nachzuhören in Plassons Raritätensammlung von Chorstücken. Untröstliche, frierende Musik. Ein Schwarzes Loch blieb von der Sonne, die am 11. September 1827 aufgegangen war.

Neue Berlioz-Aufnahmen:

La Belle Voyageuse
Jérôme Correas (alpha 024)
Chorwerke mit Michel Plasson
(EMI 5 57633, 2 CDs)
Cantatas mit Jean-Claude Casadesus
(Naxos 8.555810)
Huit Scènes de Faust u.a. Orchestre Montréal; Charles Dutoit
(Decca 475 097)
Symphonie fantastique: Mark Minkowsky mit dem Mahler Chamber Orchestra und Les Musiciens du Louvre
(DG 474 209)
Valery Gergiev mit den Wiener Philharmonikern
(Philips 475 095)
Roméo et Juliette, Les nuits d’été; Cleveland Orchestra; Pierre Boulez
(DG 474 237, 2 CDs)

 
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