Ecstasy galt bislang als typische Modedroge vergnügungssüchtiger Raver. Im Rausch der kleinen Glückspillen tanzten die Technofreaks stundenlang, mitunter bis zum Umfallen. Dann schreckten Todesfälle die Szene auf, und die Wissenschaft wusste von immer neuen Risiken des Ecstasy-Konsums zu berichten. Aufklärungsbroschüren warnten mit Bildern von durchlöcherten Gehirnen der Ecstasy-User, und die in Deutschland seit 1986 verbotene Droge genießt heute einen denkbar schlechten Ruf.

Doch möglicherweise hat das gefährliche Zeug auch eine heilende Wirkung. Ein entsprechendes Signal kommt ausgerechnet aus den USA, wo sich die Forschung bislang hauptsächlich auf die negativen Wirkungen der Droge konzentrierte. Dort glaubt eine kleine Wissenschaftlergemeinde, dass sich Ecstasy – im Fachjargon Methylendioxymetamphetamin (MDMA) – wirkungsvoll bei der Behandlung von Traumapatienten einsetzen lässt.

Verfochten wird diese These vor allem von der Multidisciplinary Association for Psychedelic Studies (MAPS), die ihren Sitz in Florida hat und auf ihrer Homepage einschlägige Ergebnisse aus den USA, den Niederlanden, Spanien, Nicaragua und der Schweiz publik macht. Nun kann die MAPS einen ersten Erfolg verkünden: Ein von ihr gesponserter Forscher, der US-amerikanische Psychiater Michael Mithoefer, bekam die offizielle Erlaubnis, eine medizinische Studie mit Ecstasy durchzuführen, um dessen therapeutische Wirkung nachzuweisen.

Mithoefer will die Droge bei 20 Menschen testen, die infolge eines Gewaltverbrechens an einer posttraumatischen Belastungsstörung leiden. Solche Traumapatienten können an einer ganzen Fülle von Symptomen leiden – Schlafstörungen, Angst- und Panikattacken, quälende, zwanghaft immer wieder durchlebte Erinnerungen an das schreckliche Ereignis oder auch dessen völlige Verdrängung zählen dazu. Eine Therapie ist schwierig, häufig langwierig und nicht selten ergebnislos, zumal es die Traumatherapie nicht gibt. Vielmehr wird mit einer Kombination oder Abfolge verschiedener therapeutischer Ansätze gearbeitet, die jeweils auf den speziellen Fall abgestimmt werden müssen.

"Ich verdanke Ecstasy mein Leben", schwärmt eine Patientin

Bei manchen Personen schlägt allerdings jeder Therapieansatz fehl. Dazu gehören auch die von Michael Mithoefer ausgewählten Patienten. Sie sollen in Kombination mit einer Gesprächstherapie zwei Ecstasy-Pillen im Abstand von einigen Wochen schlucken. Dabei setzt der Wissenschaftler auf die besonderen Eigenschaften der Droge. Ecstasy wirkt auf das limbische System, jenen Bereich im Gehirn, in dem Emotionen verarbeitet und Erinnerungen gespeichert werden. Wenn Ecstasy-Moleküle an die Rezeptoren der Nervenzellen andocken, schütten diese die Botenstoffe Adrenalin und Serotonin aus. Sinneswahrnehmungen werden gedämpft, Puls und Atemfrequenz beschleunigt, Blutdruck und Körpertemperatur steigen. Gleichzeitig sorgt Ecstasy für einen klaren Verstand. Der Rausch macht gesprächig, hebt die Laune und das Selbstwertgefühl.

Diese kommunikationsfördernde Fähigkeit von Ecstasy wollen Mithoefer und seine Kollegen gezielt nutzen. Der Einsatz von MDMA zur Heilung Traumatisierter sei "ideal, weil es die Angstreaktionen dämpft und die innerpsychischen Realitäten eines Patienten umstrukturieren könnte", schreiben die Forscher. Was genau im Gehirn passiert, wenn Ecstasy mit einer Gesprächstherapie kombiniert wird, wissen die Wissenschaftler zwar noch nicht. Aber es gebe erste Hinweise, dass MDMA die Aktivität der Amygdala reduziere. Dieser Bereich des limbischen Systems wird vor allem bei Angstzuständen – zu denen auch Traumata zählen – aktiv. MDMA könnte diese neurochemische Störung unterbrechen, hofft Mithoefer. Detaillierte Erkenntnisse soll die Studie liefern.

Dass Ecstasy auch als medizinischer Wirkstoff dienen könnte, ist keine neue Idee. Die Firma Merck sicherte sich bereits im Jahr 1912 ein Patent auf MDMA, testete es allerdings erst in den sechziger Jahren, und zwar auf seine appetitzügelnde Wirkung. Die Schlankheitspille kam wegen zahlreicher Nebenwirkungen nie auf den Markt. Dafür führte der amerikanische Biochemiker Alexander Shulgin Ecstasy in den siebziger Jahren in die Psychotherapie ein. Schon damals gab es Hinweise, dass sich die Droge bei Traumapatienten bewähren könnte. Eine ehemalige Patientin sagte gegenüber dem Nachrichtensender CNN: "Als ich bei der dritten Einweisung in die geschlossene Anstalt MDMA erhielt, konnte ich mich das erste Mal entspannen und die Gegenwart von der Vergangenheit trennen. Ich verdanke Ecstasy mein Leben." Sie war mit 17 vergewaltigt worden und litt vor der Ecstasy-Therapie 8 Jahre lang unter Panikattacken. Als die Droge 1985 in den USA verboten wurde, stoppten die Therapeuten ihre Experimente aus Angst, im Gefängnis zu landen. Nur in der Schweiz wurde noch bis 1993 mit MDMA experimentiert. Dann wurde Ecstasy auch dort verboten.