Märkisches Ufer, schneidender Wind. Die Wellen kräuseln sich, während die Spreekomtess ablegt und ein Ziel ansteuert, das noch nie einem Berliner Ausflugsschiff vergönnt war: Amerikas Nordosten. Es ist nicht weit. Eine halbe Stunde östlich von Berlins Mitte wartet Charles Ives, der gute Geist von Connecticut. Vor fünfzig Jahren starb der Komponist, mit 79, doch seine Musik wurde erst danach wirklich entdeckt. Ein Wunderland der Visionen, Erfindungen, Gedanken, in dem fast alle Kühnheiten vorweggenommen sind, die auch auf unserer Seite des Atlantiks gewagt wurden. Cluster, Collage, Polyrhythmen, Atonalität, technisch gesagt. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Den Geist hinter dem freundlichen Gesicht des Charles Edward Ives hat bis heute keiner eingeholt, so unabhängig und unbekümmert war er.

Vater der amerikanischen Musikmoderne

Das konnte er sich leisten – er hat absichtlich nicht von Musik gelebt. Ives war einer der erfolgreichsten Versicherungsagenten der Ostküste, während er als (ausgebildeter!) Komponist einem Motto folgte, das im Job verheerend gewesen wäre: "Regardless of consequences". Ohne Rücksicht auf die Folgen. Für die Komponisten nach Ives hatte das so belebende Folgen, dass ihm und ihnen das größte Kapitel der diesjährigen Berliner MaerzMusik inklusive Ausflugsdampfer gewidmet wurde: "Ives and Consequences". Das Festival für aktuelle Musik hat, noch bis zum 28. März, auch andere Themen, Frankreich und China etwa und Neues für alte Instrumente. Aber parallel zum Berliner Gastspiel des Museum of Modern Arts passte Ives als Vater oder besser Befreier der amerikanischen Musikmoderne vortrefflich in die vorderste Linie.

Zum Auftakt wurde in der Berliner Philharmonie Ives’ Vierte Symphonie (1910 bis 1916) gespielt. Das geschieht sehr selten. Denn dafür braucht man ein riesiges Orchester, aufgestockt mit Gongs und Glocken und fünf Pauken, besetzt mit Musikern, die bei Überlagerungen von Tonarten und Metren nicht gleich aus der Kurve fliegen. Man braucht außerdem Klavier und Orgel, einen Chor und einen Dirigenten, der bei flotten Nummern wie Yankee Doodle und Marching Through Georgia auch genüsslich aus der Hüfte heraus das Getöse anheizen kann und dabei einen klaren Kopf behält. So einer ist Sylvain Cambreling, der mit dem SWR-Sinfonieorchester deutlich machte, warum Ives’ Vierte als amerikanische Sinfonie schlechthin gilt: Sie will alles. Aber, good old America, sie will keine Kontrolle.

Ives ist ein Sachensucher wie Pippi Langstrumpf, und er bezaubert uns dadurch, dass er seine unzähligen Funde und Erinnerungen, Alltagskram und Visionen, nicht auf den Nenner einer Ästhetik bringt, sondern in "wildem Denken" aufeinander loslässt. Mehr als dreißig amerikanische Hymnen, Volkslieder und patriotische Gesänge, abendländische Fugentechnik, Brahmssche Klavierschlenker, Gesten romantischer Sinfonik, all das darf in dieser Sinfonie Kontur und Eigenart behalten. So ergeben sich Techniken der Collage und Überlagerung eigentlich aus Liebe zur und Gier nach Welt, weniger aus Interesse am Fortschritt der Kompositionstechnik. Parallelen zu Ives findet man eher in der Literatur als in der Musik des 20. Jahrhunderts; was einem da klingend entgegenschlägt, ist gleichsam ein amerikanischer Roman.

Und der entwickelte in der Philharmonie bei aller Entgrenzung eben doch einen spezifischen Ton, eine Perspektive der Zuversicht und Weltliebe, an der man erkennt, wie lange das schon her ist. Kein Wunder also, dass Ives heute vor allem seiner Techniken wegen als aktuell gilt. Selbst mit Vierteltönen hat er experimentiert, und in dieser "Tradition" arbeitet auch Georg Friedrich Haas. Seine natures mortes, im vergangenen Jahr für Donaueschingen geschrieben, waren weit mehr als der orchestrale Laborversuch, den der Programmtext befürchten ließ. Das Pulsieren vierteltönig verspannter Akkorde, in hämmernder Repetition, in knirschenden Blöcken, mal bohrend, mal atmend, wirkte wie das archaische Panorama einer höchst gegenwärtigen Welt: am Horizont nicht Wälder, sondern Industrieruinen.

Ein Dialog zwischen Flügel und Spielzeugklavier

Die sieht man auch, als anderntags die Spreekomtess gen Osten tuckert. Während marode Fabrikmauern vorbeiziehen, begibt sich unter Deck der Geiger Malcolm Goldstein auf die Suche nach naturhafter Spiritualität, "in the spirit of Ives and Thoreau". Schließlich war Ives tief beeindruckt vom sozialkritischen Idealismus seines Landsmanns Henry David Thoreau. Goldstein setzt die Abwendung von der Norm zum Individuum auf der Geige um. Theoretisch gesprochen. Praktisch ist es so, dass er dem Instrument all das verweigert, wofür es gebaut wurde. Tonschönheit ist tabu. Seine Improvisationen haben ihre Logik, stoßen aber auch bei den aufgeschlossensten Hörern an Schmerzgrenzen. Staunend erleben nicht nur die Kellnerinnen des Ausflugsdampfers, wie Individualität in Autismus umschlagen kann… Übrigens neigen auch andere zeitgenössische Musiker dazu, den risikofreudigen Versicherungsvertreter Ives puristisch, ja purgierend auf Einzelaspekte zu reduzieren. Sieben Komponisten waren beauftragt, für das Festival Klavierstücke zu schreiben, die Heather O’Donnell im Konzerthaus aufführte. Nur zwei kamen über ästhetisch wasserdichte Versuchsanordnungen hinaus zu dem Punkt, an dem die Musik auch sich selbst schräg betrachtet, mit sich spielt, sogar witzig sein darf. Nämlich Walter Zimmermann, mit einem wunderbaren Dialog zwischen Flügel und Spielzeugklavier, und Oliver Martin Schneller, der den Fundus einer Ivesschen Vierteltonmusik per Elektronik dem Live-Klavier entgegensetzte und dabei die "Leichtigkeit" vermittelte, die sich sein Vorbild fürs mikrotonale Musikmachen und seine Hörer erträumt hat.