Film Wippende Unterröcke

Der verfilmte „Monsieur Ibrahim“ versöhnt das Unversöhnliche

Das Araberviertel in Paris scheint wie gemacht für die verschwitzten Fantasien eines Jungen. Vom Fenster kann Moses (Pierre Boulanger) über alle Treppen und Gassen hinweg zu den Huren herübersehen, die mit träger Routine ihrer Kundschaft die Erfüllung verheißen. Bei ihnen kann der 13-Jährige ohne Schaden die sexuelle Lust am realen Objekt erproben. Und beim Nachbarsmädchen, in das er sich verliebt, studiert Moses den seltsamen Mechanismus zwischen den Geschlechtern, dies absurde Wechselspiel aus künstlichen Verzögerungen und holpriger Beschleunigung. Genug Stoff für Gespräche unter Männern. Doch Moses’ Vater hat seit dem Weggang seiner Frau mit der eigenen Verbitterung genug zu schaffen. Für den Sohn hat er nicht mehr übrig als tägliche Besorgungslisten und ein Sparschwein.

Ganz anders Monsieur Ibrahim (Omar Sharif), der Händler von gegenüber, bei dem Moses einkauft, gelegentlich stiehlt und schließlich regelmäßig auf einen süßen Tee zu noch süßeren Lebensweisheiten vorbeischaut. Die Bauernschläue des Alten und seine Sophismen über Frauen, Bordelle („Der Himmel gehört allen“) und das Glück versöhnen den Jungen mit den Demütigungen der Pubertät. Sogar der Selbstmord des Vaters wird verdaulicher.

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Was auch immer die Seele beschwert, Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran, die Verfilmung des gleichnamigen Bestsellers von Eric-Emmanuel Schmitt, hat den passenden Glückskeks vorrätig. Regisseur François Dupeyron stopft den kulleräugigen Tiefsinn der Vorlage in die Setzkastenkulisse eines verklärten Paris der sechziger Jahre. Die Armut sieht hübsch aus, und auch die abgewirtschaftetste Nutte erledigt ihren Job mit Herzlichkeit. Staunenden Blickes umkreist die Kamera wippende Unterröcke und schwelgt in den Auslagen des Monsieur Ibrahim. Denn das fremde Geschlecht und die Verlockungen des Orients tragen hier dieselben Fragezeichen. Im kalkulierten Wechsel zwischen kindlicher Aufregung und der Abgeklärtheit des Alters kommt diese Atrappenwelt schnell zur selbstgerechten Ruhe. Sie hat einen zweifelhaften Frieden zwischen Religionen und Generationen und Geschlechtern geschlossen, ein freundliches Missverständnis, das alle Differenzen absorbiert.

Jeder Glaube wird aufs Allgemeinverträgliche verdünnt, seine Dogmen zu altruistischen Zierdeckchen verhäkelt. Moses wird von Ibrahim in Momo umgetauft. Ibrahim selbst ist in Wahrheit ein Türke, den die Bewohner wegen seiner ausufernden Öffnungszeiten zum Arabischen sortieren. Und wenn Omar Sharif beteuert „Ich kenne meinen Koran“, meint er damit ein schweres Buch, dessen Weisheiten ihn weniger interessieren als die Tauglichkeit zur Blumenpresse. Individuelle Befindlichkeit triumphiert: über die Schrift, die geistigen Bevormundungen ihrer Exegeten und über allen Fanatismus.

Gäbe es nicht Omar Sharif, der spielt, als ob ihm die ganze Duselei mal den Buckel runterrutschen kann – man würde manches einfach verdösen. Doch der 72-Jährige inhaliert jeden seiner Auftritte wie eine gute Zigarre. Leichthändig und elegant gibt er den Krämer gemütlicher Utopien und lässt doch stets selbstironisch die eigene Legende durchblitzen. Als gäbe es keinen moralischen Schiffbruch, den er nicht durchlitten, keine Gelüste, die ihn nicht an den Rand des Ruins getrieben und keine sentimentalen Verwirrungen, die ihm nicht selbst das Herz zerissen hätten. Was könnte Moses nicht alles von Monsieur Sharif lernen.

 
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  • Quelle (c) DIE ZEIT 25.03.2004 Nr.14
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  • Schlagworte Film | Koran | Pubertät | Bordell | Selbstmord | Bestseller | Orient | Dogma | Paris
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