technik Die Hoffnung in Person
Karlheinz Brandenburg wurde als Entwickler der Musiksoftware MP3 weltberühmt. Jetzt wollen alle von ihm lernen, wie Innovation geht. Ein Tag mit dem Vorzeige-Erfinder auf der Cebit
Am Samstagmorgen um 9.00 Uhr sitzt Karlheinz Brandenburg in Halle 11 der Cebit, Stand A24, und balanciert einen Laptop auf den Knien. Letzte Korrekturen für einen Vortrag am Nachmittag. Über seine Schulter schaut ein jugendlicher Typ mit Ohrclip: „Kleiner Tipp, Karlheinz, Unterstreichen macht man nicht mehr.“
Im Juni wird Brandenburg 50. Als er so jung war wie sein Pressesprecher heute, hörte er Neue Deutsche Welle, am liebsten Kraftwerk: „Automat und Telespiel / leiten heut die Zukunft ein. / Computer für den Kleinbetrieb, / Computer für das Eigenheim.“ Der Student aus Erlangen, eingeschrieben in Mathematik und Elektrotechnik, nahm die Popgruppe beim Wort. Am Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen in Erlangen entwickelte er eine Software, die Musikdateien digital zusammenquetscht, ohne dass man einen Unterschied hört. Dank der Technik namens MP3 rast Musik heute mit Hochgeschwindigkeit durch Netz, vorzugsweise als Raubkopie.
MP3 machte die Musikindustrie arm, die Fraunhofer-Gesellschaft reich und Brandenburg berühmt. Im Jahr 2000 überreichte Bundespräsident Rau ihm und zwei Kollegen den Deutschen Zukunftspreis. Die Technische Universität Ilmenau in Thüringen schenkte ihm eine Professur und die Fraunhofer-Gesellschaft ein Institut für Digitale Medientechnologie (IDMT). Zur offiziellen Eröffnung Ende April haben sich ein Ministerpräsident, zwei Landesminister und zwei Staatssekretäre der Bundesregierung angekündigt. Jeder will mit ihm aufs Foto. Karlheinz Brandenburg ist Deutschlands Vorzeige-Erfinder. Ein Innovator im Beamtenverhältnis.
Wie jedes Jahr ist Brandenburg zur Cebit gekommen, um alte Kontakte zu pflegen und neue Kunden zu gewinnen. Er braucht Forschungsgelder und wirbt für die neuesten Erfindungen aus den Ilmenau Labs. Assistentin und Pressesprecher haben ihm den randvollen Terminplan ausgedruckt. Der Forschungsmanager muss die Brille abnehmen und das Heftchen dicht vor die Nase halten. Los geht’s.
10.00 Uhr. Ein Reporter vom Rhein-Main-Sieg-Radio hält sein Mikro dicht an Brandenburgs grau melierten Bart, weil nebenan gerade lautstark „mp3 surround“ vorgeführt wird. „Da ist was von uns drin“, freut sich der Interviewte und zeigt auf den MP3-Rekorder mit Festplatte. Für jedes verkaufte Gerät fließen ein paar Cent an die Fraunhofer-Gesellschaft. Einen Teil davon bekommt Brandenburg dank Arbeitnehmererfindergesetz – es ist mehr als sein Professorengehalt. Der Reporter fragt nach der neuesten Erfindung aus Ilmenau: dem Kino mit dem dreidimensionalen Sound, dem Nachfolger von Dolby Surround (ZEIT Nr. 8/04).
Wann die ersten Filme kämen, will der Radiomann wissen. „Hollywood ist interessiert“, antwortet Brandenburg. Dann erzählt er noch etwas über das Huygensche Prinzip der Wellentheorie, aber das kann man später ja rausschneiden.
Brandenburg sagt häufig „wir“ und selten „ich“. Aber er weiß, dass die Medien den einsamen Helden wollen, seine Frau ist Journalistin. An den Rummel um seine Person hat er sich gewöhnt. Als MP3 die Welt eroberte, besuchte ihn das Musikmagazin RollingStone. Die Financial Times Deutschland porträtierte ihn als einen der 101 Köpfe der New Economy. In der vergangenen Woche musste er im Frühstücksfernsehen das Cebit-Orakel spielen. „Ich weiß gar nicht, welche Trends es diesmal gibt“, verrät er am Samstag, „ich hatte noch keine Zeit, mich umzuschauen.“
- Datum 25.03.2004 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 25.03.2004 Nr.14
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