Vertreibung Wohin Intoleranz führen kann
Flucht und Vertreibung: Norman Naimarks Studien über ein düsteres Kapitel der europäischen Geschichte
Es ist fast unbegreiflich, wie wenig Europa von sich selbst und den Vorgängen weiß, die man heute als „ethnische Säuberung“ zu bezeichnen sich angewöhnt hat. Nicht einmal die Zahlen stehen annähernd fest: Sind es 40 oder eher 70 Millionen Menschen gewesen, die im Laufe des vergangenen Jahrhunderts ihre Heimat verlassen mussten, nur weil sie Angehörige einer bestimmten Volksgruppe waren oder ihr zugerechnet wurden? An der Größenordnung kann freilich kein Zweifel bestehen: Zwangsumsiedlung, Flucht, Vertreibung waren eine Grunderfahrung der Generationen der Weltkriegsepoche – wenigstens im mittleren, östlichen und südöstlichen Europa. Keine Nation und kaum eine Familie, die nicht in irgendeiner Weise von dieser Erfahrung berührt worden wäre.
Die ersten Bilanzen, die es von diesem säkularen Vorgang gibt, sind rasch in Vergessenheit geraten, und es ist fast eine Schande, dass sie auch in Zeiten eines akuten Informations- und Aufklärungsbedarfs nicht wieder zugänglich gemacht worden sind: Eugene Kulischers Europe on the Move (1948), eine Geschichte von Migration und Zwangsmigration im 20. Jahrhundert, die in vielen Details von der Forschung, nicht aber im epischen Zugriff des Zeitzeugen-Historikers überholt worden ist; vor allem aber Joseph Schechtmanns grandiose zweibändige Arbeit European Population Transfers (1946 und 1962). Band VI der Dokumentation der Vertreibung der Deutschen aus Ost-Mitteleuropa, der die Umsiedlung und Vertreibung der Deutschen in den gesamteuropäischen Kontext einordnen sollte, gibt es zwar, ist bis heute aber nicht publiziert worden. Es wäre ein eigenes Kapitel, der Frage nachzugehen, wie es kommt, dass einmal erreichte Wissensstände und Aufklärungsleistungen so radikal zurückgenommen werden können. Im Falle von Umsiedlung und Vertreibung war das Thema ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr opportun, die historische Zunft war mit anderen Dingen befasst.
Es beginnt mit der Ausgrenzung ethnischer Minderheiten
Es bedurfte der Erfahrung von 1989, aber auch der Katastrophe in Exjugoslawien in den neunziger Jahren, um das Thema auf die Agenda zurückzuholen. Und seither gibt es ein neues Interesse und eine Vielzahl von Veröffentlichungen – gute und schlechte, schnell geschriebene, aber auch solche, die das Feld der Forschung neu bestellen. Es ist ein Verdienst des C. H. Beck Verlages, dass er das Buch des in Stanford lehrenden Osteuropa-Historikers Norman Naimark – erschienen 2001 bei Harvard University Press – nun herausgebracht hat. Naimark hat sich hierzulande einen Namen gemacht mit Russen in Deutschland (1997). Sein neues Buch bietet keine Gesamtdarstellung, sondern führt fünf exemplarische Fallstudien in vergleichender Perspektive vor: den Fall der Armenier und der kleinasiatischen Griechen im Osmanischen Reich beziehungsweise der Türkei; die Judenverfolgung im „Dritten Reich“; die Deportation der Tschetschenen-Inguschen und der Krimtataren in der Sowjetunion; die Vertreibung der Deutschen aus Polen und aus der Tschechoslowakei und schließlich die Kriege im ehemaligen Jugoslawien.
Die meisten Kapitel basieren auf dem Stand der jüngsten Forschungen. Einigen ist der Fortschritt durch die Öffnung der Archive anzumerken; andere Kapitel warten mit eigenen, aufschlussreichen Quellenfunden auf – etwa den Tagebüchern von Diplomaten, amerikanischen Zivil- und Militärpersonen mit Augenzeugenberichten zu den Massakern an Armeniern oder der Katastrophe von Smyrna 1922. Überhaupt: Augenzeugenberichte. Es ist eine große Stärke dieses Buches, dass es in mit treffsicher ausgewählten Zitaten die Unmittelbarkeit der Augenzeugenschaft zu ihrem Recht kommen lässt und somit spezifische Charakteristika der „ethnischen Säuberung“ zur Anschauung bringt.
Die Einzelstudien waren für den Autor nur zu bewältigen, weil er keine epische Breite anstrebte, sondern eine höchst selektive und pointierte Darstellung. Es handelt sich mehr um Skizzen, Eröffnungen oder Zusammenfassungen der ethnischen Säuberungsvorgänge in vergleichender Absicht. Der „armenische Fall“ deutet schon an, wie Moderne, Nationalstaatsbildung, ethnische Homogenisierung und Ausgrenzung von Minderheiten Hand in Hand gingen. Die Deportation und die Massaker an der armenischen Volksgruppe auf dem Boden des Osmanischen Reiches zu Beginn des Ersten Weltkrieges und die Umsiedlung der Kleinasiengriechen, die im Vertrag von Lausanne 1923 besiegelt wurde, erscheinen als die „Kehrseite“ des nationalistischen Modernisierungsprojektes der Jungtürken, eine Konstellation, die sich noch verschiedene Male wiederholen wird. Denn immer schien es bei der Entfernung von ethnischen Minderheiten um die „Beseitigung von Konfliktherden“, „Fünften Kolonnen“, „Agenten des Feindes“, die akute oder prophylaktische Bestrafung von illoyalen und unzuverlässigen Staatsbürgern zu gehen. Die gewalttätige Herstellung von ethnischer, staatlicher, kultureller und sprachlicher Homogenität (im sowjetischen Fall kommt hinzu: soziale Homogenisierung und Nivellierung) scheint ein Grundzug „der Moderne“ oder „Hochmoderne“ (was immer man darunter verstehen mag) zu sein. Und in der Tat endet die Weltkriegsepoche mit der Herstellung von fast zu hundert Prozent ethnisch homogenen Staatsgebilden.
Naimark nimmt den Fall der Juden im „Dritten Reich“ auf, obwohl es sich um einen Vorgang „anderer Ordnung“ handelte. Doch er kann hieran – wie vor ihm schon Götz Aly – zweierlei zeigen: erstens dass der „Endlösung“ viele Schritte vorausgingen, die sie mit Vorgängen „ethnischer Säuberung“ an anderen Orten gemeinsam haben, zweitens dass allen „ethnischen Flurbereinigungen“ ein genozidaler Zug inhärent ist.
Der sowjetische Fall in Naimarks Studie lenkt die Aufmerksamkeit endlich darauf, dass es in der UdSSR nicht nur eine klassenmäßig gerichtete Repression gegeben hat, sondern – dem Charakter des russischen beziehungsweise sowjetischen Imperiums als Vielvölkerreich durchaus entsprechend – auch eine Repression entlang der ethnischen und nationalen Linien. Dass das Schicksal von Koreanern, Tschetschenen, Inguschen, Krimtataren, Schwarzmeergriechen, auch Wolgadeutschen in der Vergangenheit so wenig wahrgenommen wurde, hat nicht nur mit den Zugangsbedingungen zu den sowjetischen Archiven, sondern auch mit der historischen Konstellation zu tun, die es oft nicht opportun erscheinen ließ, sich auf die Geschicke dieser „kleinen Völker“ einzulassen, die kein Organ, keine Lobby hatten, um sich vernehmlich zu machen.
- Datum 25.03.2004 - 13:00 Uhr
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- Serie politisches buch
- Quelle (c) DIE ZEIT 25.03.2004 Nr.14
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