Vertreibung Wohin Intoleranz führen kannSeite 2/2

Die Umsiedlung und Vertreibung der Deutschen aus den Ostprovinzen des Deutschen Reiches und aus den Staaten des östlichen und mittleren Europa nimmt bei Naimark die gebührende Stelle ein, handelte es sich doch um den größten „Bevölkerungstransfer“ der modernen Geschichte. Mühelos kann Naimark zeigen, dass es in Sachen Aussiedlung der Deutschen ein fundamentales Einverständnis der Kriegsgegner Deutschlands gab. Ethnische Säuberung als Allheilmittel für die Gebrechen einer labilen Staatlichkeit war so etwas wie ein Gemeinplatz der Weltkriegsepoche geworden. Und darin lag wohl auch die Bedeutung des Abkommens von Lausanne 1923, das erstmalig den kollektiven Bevölkerungsaustausch völkerrechtlich sanktioniert hatte. Den Höhepunkt erreichte Europa freilich erst im Verlaufe und am Ende des Zweiten Weltkrieges.

Heraus aus der Enge nationaler Selbstbetrachtung

Die Wiederkehr der Bilder von Deportationszügen, Flüchtlingstrecks, Zeltlagern in den neunziger Jahren während der Kriege in Jugoslawien löste so etwas wie ein Déjà-vu aus, und die Linie, die von den ersten Zwangsumsiedlungen 1913 über das Abkommen von Lausanne 1923, über die von Nazideutschland betriebene „Bereinigung der ethnographischen Landkarte Europas“ bis hin zu den Bildern von Vukovar, Sarajevo und Srebrenica, war endgültig als eine Art roter Faden durch das „Jahrhundert der Flüchtlinge“ sichtbar geworden.

Der Wert von Naimarks Buch besteht in der knappen und souveränen Skizzierung der „Einzelfälle“, vor allem aber in der Diskussion zentraler Aspekte „ethnischer Säuberung“: die Rolle des Krieges als Katalysator; die ideelle Vorbereitung durch Konzepte des modernen, auf Totalität und Homogenität gegründeten Staates; der gezielte Einsatz von Gräueln, um Flucht auszulösen und das Gelände zu „reinigen“; der systematische Einsatz von Vergewaltigungen als Mittel ethnischer Kriegführung; die Effekte der Tilgung von kulturellen Spuren und Traditionen. Der Autor formuliert damit Fragen, die den Vertreibungskomplex auf eine andere Ebene heben, heraus aus der Enge einer nur nationalen Selbstbetrachtung des je individuellen Traumas.

Naimark zeigt auf eine sehr nachdrückliche Weise, wie man über eines der beschämendsten Kapitel europäischer Geschichte sprechen kann, ohne in den Ton der Auf- und Abrechnung zu verfallen – ein Beitrag, den man in Zeiten erregter Debatten um ein „Zentrum gegen Vertreibungen“ nicht hoch genug veranschlagen kann. Freilich wird an den in diesem Band zusammengefassten Studien auch klar, dass sie nur ein erster Schritt sein können. Eine komparative Perspektive bleibt letztlich unangemessen gegenüber dem „europäischen Vertreibungskomplex“ als Ganzem. Sie reicht an die Rekonstruktion dieses Zusammenhangs, der Überlagerungen und Korrespondenzen, an das Ineinander von Prozessen nicht heran. Die „Europäisierung des Vertreibungskomplexes“ bleibt also ein Desiderat. Sie gehört zu jenen historiografischen Problemen, die zu lösen die Europäer sich immer gewünscht haben, an die sie sich im Ernst bisher aber noch nicht herangewagt haben – von Kulischer und Schechtmann einmal abgesehen.

Norman M. Naimark: Flammender Haß Ethnische Säuberung im 20. Jahrhundert; a. d. Engl. v. Martin Richter; C. H. Beck Verlag, München 2004; 301 S., 26,90 €Flammender HaßGeschichte | GesellschaftSachbuchenglischEthnische Säuberung im 20. Jahrhundert; aus dem Englischen von Martin RichterNorman M. NaimarkBuchC. H. Beck Verlag2004München26,90301Martin Richter
 
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