Film Gewaltverherrlichung ist der Bibel fremd

Den Evangelisten ging es nicht um Jesu Qualen, sondern darum, dass er für die Sünden der Menschen gestorben ist. Davon weiß Mel Gibsons Film „Die Passion Christi“ nichts

Drei Vorwürfe sind es vor allem, die gegen Mel Gibsons Film erhoben werden: Er verfehle die Botschaft der Passionsgeschichte, er sei judenfeindlich, und er verherrliche die Gewalt.

Der erste Vorwurf ist nicht unbegründet, aber er gilt im Prinzip für alle Bildmedien, die christliche Motive darstellen. Die biblische Theologie ist, angefangen vom Schöpfungswort Gottes bis hin zu dem Wort, das Joh 1,14 zufolge Fleisch wurde, ausschließlich Worttheologie. Das Bilderverbot im Alten Testament wie die Bilderstreitigkeiten im Verlauf der Kirchengeschichte beruhten auf der Annahme, dass sich im Medium Wort Gedanken ungleich differenzierter, umfassender und vielschichtiger ausdrücken lassen, als es das plakative Bild, bei aller Prägnanz im Einzelnen, vermag. Wer das biblische Wort mitbringt, wird in Gibsons Film manches verstehen, der Film selbst aber gibt nichts von dem zu verstehen, was er abbildet.

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Der Vorwurf der Judenfeindschaft (oft fälschlicherweise und anachronistisch mit Antisemitismus gleichgesetzt) trifft dagegen weniger Mel Gibson als vielmehr die Evangelien selbst, die er zur Vorlage genommen hat. Auf Recht und Unrecht dieses Vorwurfs wurde an dieser Stelle schon eingegangen (siehe ZEIT Nr. 10/04).

Die Schimpflichkeit des Todes

Wie steht es aber mit dem Vorwurf der Gewaltverherrlichung, von manchen zum Vorwurf des Sadismus oder der Gewaltpornografie gesteigert? Diesem Vorwurf liegt die Tatsache zugrunde, dass die Kreuzesstrafe, die für Unfreie und Provinzbewohner üblich, für römische Bürger aber verboten war, mit besonders qualvollen Leiden verbunden gewesen ist. Der Todeskampf konnte Tage dauern. Gibson beruft sich darauf, dass er auch insofern einfach der biblischen Passionserzählung folgt. Damit hat er aber nur auf den ersten Blick Recht.

Es ist nämlich zu bedenken, dass die Evangelisten die besonderen Qualen des Kreuzestodes nie zu einem eigenen Thema machen. Zwischen Kreuzigung und Tod liegen nur sechs Stunden, und der Gekreuzigte kommuniziert mit den ihn umgebenden Menschen in gewöhnlicher Weise. Es ist nicht das Leiden, sondern Jesu Tod, der theologisch bedeutungsvoll ist. „Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode“, heißt es in einem urchristlichen Hymnus, den der Apostel Paulus zitiert (Phil 2,8), und wenn er hinzufügt: „Ja, bis zum Tode am Kreuz“, so blickt er nicht auf die besondere Grausamkeit dieses Todes, sondern auf dessen Schimpflichkeit und Banalität, die jede Heroisierung dieses Todes ausschließt. Jesus stirbt unseren Tod, den alltäglichen Tod eines Menschen; er wird in allem den Menschen gleich. Um diese Aussage geht es in dem „Gekreuzigt, gestorben und begraben“ des apostolischen Glaubensbekenntnisses: Jeder Mensch darf auch in der Tiefe des Todes der Nähe des barmherzigen Gottes gewiss sein. Und sofern der Tod als Gericht Gottes über das menschliche Wesen verstanden werden soll – „Der Tod ist der Sünde Sold“ (Röm 6,23) –, gilt gleichermaßen, dass damit auf den Tod selbst, nicht aber auf einen besonders grausamen Tod und ungewöhnliche Qualen geblickt wird.

Sollte also etwa Mel Gibson in seiner Darstellung der Passion Jesu den Realismus von Geißelung, Kreuzigung, Sterben und Tod deshalb auf die Spitze getrieben haben, weil Jesu Leiden größer, drastischer und blutiger sein musste als jedes menschenmögliche Leiden – Jesus stirbt ja bei Gibson gleichsam einen doppelten Tod, weil schon die dargestellte Grausamkeit der Geißelung eigentlich zum Tode hätte führen müssen –, so wird er damit den biblischen Berichten nicht gerecht. Und auch die zu Zeiten verbreitete Leidensmystik, die sich in die Betrachtung der Wunden Jesu versenkt, hat nur einen begrenzten Anhalt an der Passionserzählung.

Man muss in diesem Zusammenhang beachten, dass am Anfang der christlichen Lehrentwicklung nicht die Bedeutsamkeit des Todes Jesu, sondern die seiner Auferweckung stand. Mit anderen Worten: Die Christologie kommt zeitlich vor der Heilslehre, die Aussagen zur Person Jesu vor denen zu seinem Werk. Am Anfang der Entwicklung stand nämlich das Bekenntnis, dass Gott den gekreuzigten Jesus durch seine Auferweckung von den Toten zum Messias und Kyrios eingesetzt beziehungsweise als seinen Sohn adoptiert hat. Erst dies Bekenntnis erweckte die Frage, warum der solcherart Erhöhte den Tod am Kreuz hatte leiden müssen. Auf diese Frage gibt die Urchristenheit eine einmütige Antwort: Christus ist für alle Menschen gestorben. Sein Tod ist ein heilvoller, erlösender, rettender Tod, ein Erweis der Liebe Gottes.

Diese einmütige Antwort wird freilich unterschiedlich ausgeführt, und zwar so, dass die einzelnen Ausführungen sich in der Regel an verbreitete Schemata zeitgenössischer Heilslehren anschließen, ohne dabei ein eigenes System zu entfalten, wie es spätere christliche Dogmatik tat. Ein solches Schema ist zum Beispiel das der stellvertretenden Sühne, mit der Jesus in seinem Tod die Sündenschuld der Menschen getilgt hat, ein Motiv, das sich an den antiken Opferkult anschließt und im Mittelalter durch Anselm von Canterbury mithilfe juristischer Kategorien zu einer höchst problematischen, bis heute aber einflussreichen Sühnetheorie ausgebaut wurde.

Daneben gibt es im Anschluss an alttestamentliche Gedanken auch die Vorstellung des Bundesopfers, mit dem der neue Bund Gottes mit den Menschen besiegelt wurde. Apokalyptischem Denken nahe steht die mythische Erklärung, der Tod Jesu sei ein an Satan bezahltes Lösegeld, um die Menschen aus dessen Macht loszukaufen. Paulus bevorzugt einen Gedanken antiker Mysterienfrömmigkeit, dass nämlich der Glaubende seinen alten Menschen mit Jesus in den Tod gibt, damit er als neuer Mensch sein Leben aus Gott hat. Einer anderen hellenistischen Religiosität gehört die Vorstellung an, Gott habe sich in Jesus zu den Menschen erniedrigt, um ihnen seine Barmherzigkeit zu zeigen, wobei Jesu Tod der extreme Erweis dieser Erniedrigung ist. In diesem Zusammenhang kann dann auch der aus dem Völkerrecht stammende Begriff der Versöhnung bedeutsam werden: Der sich bis in den Tod zum Menschen erniedrigende Gott überwindet von sich aus die Kluft, die der sündige Mensch zwischen ihm und sich aufgerichtet hat. In keinem dieser Schemata aber spielt die besondere Grausamkeit des Todes Jesu irgendeine Rolle.

Das gilt ebenso für die gegenüber solchen Bekenntnissen sekundären Passionserzählungen der Evangelis-ten, in denen das „für uns“ des Todes Jesu stets vorausgesetzt ist, ohne jemals in eine abstrakte Theorie gepresst zu werden. Für diese Berichte bildet der damals gewöhnliche Vorgang des Gerichtsverfahrens und der Hinrichtung nur den Rahmen, in dem sie ihre spezifischen Perspektiven auf das Geschehen ausbilden. Bei diesen Perspektiven handelt es sich nicht nur um die Verlagerung der Schuld an Jesu Tod von den Römern auf die jüdischen Autoritäten, die bei Matthäus im Vordergrund steht, also um die erwähnte Judenfeindschaft.

Die älteste Passionsdarstellung, wie wir sie im Markus-Evangelium lesen, legte zum Beispiel besonderes Gewicht darauf, eine urchristliche Bekenntnisaussage erzählend zu illustrieren, die Paulus in 1. Kor 15,3 zitiert, nämlich „dass Christus gestorben ist für unsere Sünden nach der Schrift“. Dieses Bekenntnis verbindet das zentrale Heilsgeschehen des Neuen Testaments mit der Heilserwartung des Alten, um unter den jüdischen und heidnischen („gottesfürchtigen“) Angehörigen der Synagoge geneigte Ohren zu finden. Mit Ps22,2 betet Jesus: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen.“ Was in Ps22,8 beklagt wird, geschieht unter Jesu Kreuz: „Alle, die mich sehen, verspotten mich, sperren das Maul auf und schütteln den Kopf.“ Und die Spötter nehmen Ps 22,9 in den Mund: „Er klage es dem Herrn, der helfe ihm heraus und errette ihn, hat er Gefallen an ihm.“ Nach Ps 22,19 losten die Soldaten um Jesu Kleider. Jes 53 liegt nicht nur überhaupt der Passionserzählung zugrunde – „Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt“ (Jes 53,5) –, sondern auch mit einzelnen Aussagen wie der, dass Jesus den Verbrechern gleichgestellt wurde und für seine Peiniger gebetet hat (Jes53,12).

Der Evangelist Lukas nimmt um die erste Jahrhundertwende solche Gedanken auf, schildert selbst aber vor allem die Passion Jesu als ein vorbildliches Martyrium, an dem sich die Märtyrer seiner Zeit ein Beispiel nehmen sollen. In die Szene von Jesu Gebet im Garten Gethsemane vor seiner Gefangennahme fügt Lukas ein: „Und als er in Todesangst geriet, betete er umso beharrlicher. Da wurde sein Schweiß wie Blutstropfen, die auf die Erde fielen“ (Lk 22,44) – das ist die Situation des Märtyrers vor seiner Hinrichtung. Vor seinen Anklägern, dem Hohenrat der Juden, leugnet Jesus nicht, der Christus sein zu wollen, und gibt damit den wegen ihres Glaubens angeklagten Christen ein Beispiel mutigen Bekennens angesichts der Todesstrafe. Nach seiner Kreuzigung bittet er für die Henker: „Herr, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun“ (Lk 23,34). Und Jesus stirbt dem Bericht des Lukas zufolge mit den Worten: „Vater, ich lege meinen Geist in deine Hände“ (Lk 23,46). Dass und wie die christlichen Märtyrer diesem Vorbild nachfolgen sollen, verdeutlicht Lukas nachdrücklich durch die Weise, wie er vom Tod des Stephanus berichtet, dem ersten Märtyrer, von dem wir erfahren. Auch Stephanus bekennt vor dem Hohenrat mutig seinen Glauben. Auch er bittet für seine Mörder: „Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht an“ (Apg 7,60).

Der Evangelist Johannes beschreibt die Passion Jesu unter anderem im Hinblick auf die so genannten Doketisten. Der Doketismus geht von einem schroffen Leib-Seele-Dualismus aus: Die Seele ist göttlichen Ursprungs, der Leib aber eine Schöpfung der Dämonen. Darum bestreiten die Doketen, dass Jesus wirklich Mensch geworden und einen irdischen Leib besessen habe; er habe vielmehr in einem Scheinleib unter den Menschen geweilt. Dem widerspricht Johannes. Ihm zufolge hat Pilatus Jesus, nachdem er blutig geschlagen und mit der Dornenkrone gekrönt worden war, dem Volk mit den Worten vorgeführt: „Seht, welch ein Mensch“ (Joh 19,1–5), eine Demonstration der wahren Mensch- und Leiblichkeit Jesu.

Es starb ein wirklicher Mensch

Weil die Doketen den alten Passionsbericht, wonach Simon von Kyrene an Jesu Stelle das Kreuz nach Golgatha getragen habe, damit erklärt hatten, dass ein Scheinleib das Kreuz nicht habe tragen können, korrigiert Johannes die Überlieferung und behauptet, Jesus selbst habe das Kreuz getragen (Joh 19,16–17). Und weil sich die Doketen auf den alten Bericht beriefen, dem zufolge der Gekreuzigte es abgelehnt habe, einen Betäubungstrank anzunehmen, berichtigt Johannes auch hier und erzählt nicht nur, dass Jesus ausdrücklich gesagt habe, „mich dürstet“, sondern auch, dass ihm ein Schwamm mit Essigwasser gereicht worden sei und er tatsächlich getrunken habe (Joh 19,28–30). Nach Jesu Tod sticht Johannes zufolge ein Soldat mit einem Speer in Jesu Seite, „und sogleich kamen Blut und Wasser heraus“ (Joh 19,34–35) – eine Demonstration dessen, dass kein Scheinleib am Kreuz gehangen hat, sondern ein wirklicher Mensch gestorben war.

Aber bei allen diesen unterschiedlichen Erzählstrategien der Evangelisten spielt die besondere Qual des Leidens und Sterbens Jesu am Kreuz ersichtlich keine Rolle. Da die Kreuzesstrafe häufig verhängt und immer öffentlich vollzogen wurde, setzen die Evangelisten bei ihren Lesern mit Recht eine Kenntnis des Strafvollzuges voraus und sehen davon ab, diesem Umstand besondere Aufmerksamkeit zu widmen.

Diese Dezenz geht dem Film von Mel Gibson ab. Er folgt zwar der biblischen Darstellung, aber er ist nicht biblisch.

Walter Schmithals ist Professor emeritus für neutestamentliche Theologie an der Humboldt-Universität Berlin

 
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  • Serie film
  • Quelle (c) DIE ZEIT 25.03.2004 Nr.14
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