Film Gewaltverherrlichung ist der Bibel fremdSeite 3/3
Weil die Doketen den alten Passionsbericht, wonach Simon von Kyrene an Jesu Stelle das Kreuz nach Golgatha getragen habe, damit erklärt hatten, dass ein Scheinleib das Kreuz nicht habe tragen können, korrigiert Johannes die Überlieferung und behauptet, Jesus selbst habe das Kreuz getragen (Joh 19,16–17). Und weil sich die Doketen auf den alten Bericht beriefen, dem zufolge der Gekreuzigte es abgelehnt habe, einen Betäubungstrank anzunehmen, berichtigt Johannes auch hier und erzählt nicht nur, dass Jesus ausdrücklich gesagt habe, „mich dürstet“, sondern auch, dass ihm ein Schwamm mit Essigwasser gereicht worden sei und er tatsächlich getrunken habe (Joh 19,28–30). Nach Jesu Tod sticht Johannes zufolge ein Soldat mit einem Speer in Jesu Seite, „und sogleich kamen Blut und Wasser heraus“ (Joh 19,34–35) – eine Demonstration dessen, dass kein Scheinleib am Kreuz gehangen hat, sondern ein wirklicher Mensch gestorben war.
Aber bei allen diesen unterschiedlichen Erzählstrategien der Evangelisten spielt die besondere Qual des Leidens und Sterbens Jesu am Kreuz ersichtlich keine Rolle. Da die Kreuzesstrafe häufig verhängt und immer öffentlich vollzogen wurde, setzen die Evangelisten bei ihren Lesern mit Recht eine Kenntnis des Strafvollzuges voraus und sehen davon ab, diesem Umstand besondere Aufmerksamkeit zu widmen.
Diese Dezenz geht dem Film von Mel Gibson ab. Er folgt zwar der biblischen Darstellung, aber er ist nicht biblisch.
Walter Schmithals ist Professor emeritus für neutestamentliche Theologie an der Humboldt-Universität Berlin
- Datum 25.03.2004 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 25.03.2004 Nr.14
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