Schade, dieser Zeuge scheint verschollen. Auch das Telefonbuch gibt ihn nicht her. Pfarrer Fiechtner hatten wir ihn getauft, damals, vor dreißig Jahren. Pfarrer war er keineswegs, sondern Lehrer für Marxismus an der Volkshochschule Leipzig. Einmal pro Woche traktierte er die Studenten des Theologischen Seminars mit der wissenschaftlichen Weltanschauung: Dogmatik, aber aus dem Munde eines Schwejk. Ich werd Sie nicht belegen, erklärte er in feinstem Pleiße-Deutsch. Sie hamm Ihre Überzeugung, ich hab meine. Hörnse schön druff, dann erzähl ich Ihnen zum Schluss bobbuläre Schtorries aus meiner Zeit unter bildungsunwilligen Schülern. – Das lohnte immer.

Nicht der Form nach, doch de facto waren Fiechtners urige Lektionen eine SED-Schikane. Sie installierten DDR-Ideologie im lutherischen Raum, denn anders als die Universitäts-Sektion Theologie unterstand das Seminar allein der Kirche. 1968 plante der Staat sogar, der Pfaffenschmiede einen Parteiphilosophen ins Kollegium zu drücken – als Machtdemonstration, folgend jener Erschütterung, deren Nachbeben in Leipzig bis heute spürbar sind: Am 30. Mai 1968 hatte das Ulbricht-Regime getan, was die Weltkriegsbomben nicht vermochten, und die spätgotische Universitätskirche St. Pauli – Predigtstätte Luthers, Orgelhalle Bachs – gegen alle Widerstände sprengen lassen.

Ich stand am Grassi-Museum, erzählt Erich Loest, Leipzigs volksnaher Dichter. Tausende schauten zu, viele von den Dächern. Ein Radius von 300 Metern war abgesperrt. Es hieß, alte Fliegerbomben könnten explodieren. Plötzlich knickte das Türm-chen ab, die Fassade brach zusammen, der Staub kam hoch, dann erst langte der grollende Lärm bei uns an. Wir wussten: Wir erleben eine Barbarei.

Wenn es um die Paulinerkirche geht, hört man in Leipzig immer zwei Geschichten: die der Ohnmacht und die des Widerstands. Die Studenten Stefan Welzk und Harald Fritzsch entrollten ein riesiges Tuch mit Umriss und Lebensdaten der Kirche: "1240–1968 Wir fordern Wiederaufbau!". Einen Wecker bastelten sie zum Zeitzünder um, erklommen den Schnürboden der Kongresshalle am Zoo und sorgten dafür, dass sich das Tuch höchst wirksam während der Preisverleihung des internationalen Bach-Wettbewerbs entrollte. Die Attentäter blieben unentdeckt, reisten nach Bulgarien, durchpaddelten mit einem Schlauchboot das Schwarze Meer und erreichten die Türkei. Andere hatten weniger Glück. Helga Salomon (heute Hassenrück) sperrte man sechs Wochen ein. Verhaftet wurde sie zunächst für Flugblätter gegen die neue, die sozialistische DDR-Verfassung, die am 6. April 1968 per Referendum angenommen worden war. Als man die Studentin festnahm, fanden sich in ihrer Tasche auch Materialien gegen den Abriss der Kirche. Nicht ruchbar wurde, dass die 19-Jährige Leipzigs Stadtverordnete besucht und sie gebeten hatte, die Sprengung zu verweigern – natürlich umsonst.

Heute lehrt Helga Hassenrück alte Sprachen an jener theologischen Fakultät, von der sie damals, zwecks Bewährung in der Produktion, verwiesen wurde. Wer die fragile Frau erzählen hört, der spürt, wie die Sprengung in dieses Leben eingeschlagen hat, wie man eine junge, halbwegs staatsloyale Idealistin brach und ins Abseits bannte. Helga Hassenrück wünscht sich die Kirche wieder aufgebaut. Sonst habe Ulbricht gesiegt.

Wissen Sie, sagt Helga Hassenrück, wer das damals miterlebt hat, der kann die Ohnmacht nicht vergessen. Polizei mit Schäferhunden an der Kirche, die Bierflaschen des Sprengkommandos auf dem Altar, die Gruften aufgerissen, die Särge rausgefetzt, da flogen die Knochen herum, und in der U-Haft hab ich mich splitternackt ausziehen müssen. Es war eine besondere Kirche. Immer offen, Sammlungsraum, Gesprächsort für beide Konfessionen, ich ging früh um acht zu Trillings Andachten, zu den Konzerten. Am letzten Tag hat Kurt Grahl noch mal auf der Orgel gespielt, eine Bach-Toccata im Staub und Gebrüll der Dynamitbohrer. Die Stasi befahl ihm: Schluss! Grahl brach ab und malte in seine Partitur ein Kreuz.

Jetzt entscheidet ein Wettbewerb – und es droht politischer Tumult