Perleberg

Die gute Nachricht aus Perleberg ist, dass Gerhard Schröders Agenda 2010 hier drei sichere Arbeitsplätze geschaffen hat. Die schlechte ist, dass es darüber hinaus keine guten Nachrichten gibt. Es mag zu früh sein, exakt zwölf Monate nach den Reformankündigungen des Kanzlers draußen im Lande nach den Folgen zu schauen. Vor einem knappen Jahr war die Stimmung in Perleberg, einem 14000-Einwohner-Städtchen in Westbrandenburg, mau ( ZEIT Nr. 23/03). Sie hat sich nicht gebessert. Bürgermeister Dietmar Zigan sagt: "Wir gucken bloß noch danach, was wir als Nächstes streichen können."

Aber bleiben wir wenigstens für einen Moment bei der guten Nachricht. Michael Hohmeyer, 24, ist ein Gewinner von Ulla Schmidts Gesundheitsreform, sie beschert ihm ein wachsendes Geschäft. Nach seinem BWL-Studium hatte Hohmeyer sich hingesetzt, gründlich nachgedacht über eine Firmenidee – und investierte dann mit zwei Partnern in ein Krematorium. Bislang werden in Deutschland weniger als 40 Prozent der Verstorbenen eingeäschert. Doch die Zahl der preiswerten Feuerbestattungen steigt rasant, seit zu Jahresbeginn das Sterbegeld in Höhe von 525 Euro aus dem Leistungskatalog der Krankenkassen gestrichen wurde.

Stolz führt der Jungunternehmer durch seine Firma. Die Räume sind hell und freundlich, die Technik ist topmodern. Der Ofen wird per Fließband beschickt und von einem Computer gesteuert, ein Monitor zeigt Abgaswerte und "Prozessdauer" an. Im Büro hängt eine Deutschlandkarte, auf der alle Krematorien markiert sind. Zwischen Hamburg, Berlin und Magdeburg, erklärt er nüchtern, war ein großes Loch. Seit Oktober 2003 läuft in Perleberg sein Betrieb. Drei Arbeitsplätze sind entstanden. Weitere folgen, sobald in mehreren Schichten kremiert wird. Hohmeyer: "Die Nachfrage steigt von Monat zu Monat."

Bereits eine Tür weiter im Perleberger Gewerbegebiet ist es vorbei mit den guten Nachrichten. Spricht man Martina Schmitz auf die Gesundheitsreform an, entfährt ihr ein bitteres Lachen. "Minimal" falle die Senkung der Lohnnebenkosten aus, und wegen acht Euro weniger Kassenbeitrag werde niemand einen neuen Arbeitsplatz schaffen. Auch die Steuerreform bringe ihr nichts: "Wir haben keine Tochterunternehmen, die von den neuen Abschreibungsregeln profitieren."

Dabei läuft der Metallbetrieb gut, den sie und ihr Mann führen. Schmitz Lasertechnik hat gut 70 Angestellte, sie bauen Teile für die Bahn, für Siemens, für Alstom. Die Auftragsbücher, sagt Peter Schmitz, "sind voll, voll, voll". Gern würden sie die Firma ausbauen. Aber die Banken mögen in dieser Region keine Projekte finanzieren. Neulich habe ihm ein Banker ins Gesicht gesagt: Tja, wenn der Betrieb zum Beispiel in Bielefeld stünde…

Auch qualifizierte Mitarbeiter sind in Brandenburg kaum mehr zu finden – und schwierig zu halten. Die Aktiven, die Jungen ziehen in den Westen, wo höhere Löhne locken; Schmitz’ Tochter beginnt im Herbst eine Ausbildung in Düsseldorf. Wenn das Arbeitsamt Bewerber schicke, erzählt der Unternehmer, seien das meist "traurige Gestalten". Zugegeben, an all dem ist nicht die Agenda 2010 schuld. Andererseits tauchen die meisten Sorgen, die in Perleberg drücken, in den Berliner Reformdebatten überhaupt nicht auf. Und so kommt es, dass selbst eine erfolgreiche Unternehmerin wie Martina Schmitz auf "die da oben" schimpft und glaubt: "Uns haben die längst abgeschrieben."

In den Fällen, wo Ideen aus der Hauptstadt zu den Problemen passen, dauert ihre Umsetzung viel zu lange. Vor einem Jahr plante der Schlachthof Perleberg eine Erweiterung. Geschäftsführer Klaus Voigt erzählte damals, er suche dringend Industriefleischer. Aber niemand wolle die Arbeit machen. Die Agenda 2010 sieht einen erhöhten Druck auf Langzeiterwerbslose vor, umgesetzt ist das noch nicht. Der Schlachthof hat im letzten Herbst 20 Leiharbeiter aus Rumänien angestellt.