Zugegeben, ich hatte Schlimmes erwartet. Peinlichkeiten und Klischees von der Sorte, wie "Ost-Frauen" angeblich oder tatsächlich sind: freizügig, was vor allem erotisch freizügig meint, selbstständig, ja, ach, wie selbstständig sie doch sind, kumpelhaft, flexibel, handfest und tolerant. Wir kennen diese Zuschreibungen, wir haben sie – ja, doch – anfangs, nach 1989, ganz gern gehört, sie auch genossen, später waren sie eher nervtötend. Denn ein bisschen klangen die Adjektive immer so, als sähe man in uns die Eingeborenen, die noch so wunderbar natürlich und unverbildet, um nicht zu sagen, blöd sind.

Ja, und damit hat sich die Rezensentin geoutet, denn der Buchtitel könnte auch auf sie passen: Klar bin ich eine Ost-Frau!

Martina Rellin hat das Buch geschrieben, sie hat die O-Töne gesammelt, wie es im Fernsehen heißen würde, und bearbeitet. Unter den 15 Frauen ihres Buches sind ein paar jüngere, die meisten aber schwingen im so genannten mittleren Alter, in dem auch die Autorin ist. Martina Rellin, in Hamburg geboren, war nach der Wende ein paar Jahre lang Chefredakteurin des magazins, einer kleinen (Ost-)Zeitschrift, die sich seit 1924 durch die Zeitläufte hangelt, und die, vom Westen Deutschlands weitgehend unbemerkt, gerade ihren 80. Geburtstag gefeiert hat.

Die Journalistin hat inzwischen mehrere Bücher geschrieben; Bücher von der Sorte, die angeblich kaum einer gelesen und schon gar keiner gekauft hat und die seltsamerweise trotzdem Verkaufsschlager waren. Sie hießen Ich habe einen Liebhaber oder Wir sind die neuen Liebhaber.

Auch in diesem, dem Buch über Ost-Frauen, kommen die Liebhaber (fast möchte man sagen: natürlich) wieder vor. Vielleicht ist Rellin, die als Frau aus dem Westen seit Jahren im Osten lebt, beim Erforschen der Liebhaberei auf das Thema des jetzigen Buches gekommen.

Was lässt sich darüber sagen? Das Buch ist nicht peinlich. Immerhin. Wem diese Einschätzung gering erscheint, dem sei die Verlagsankündigung empfohlen, worin zu lesen war, dass die einstigen DDR-Frauen "durch die Wiedervereinigung noch stärker geworden seien, als sie ohnehin schon waren". Hilfe!, dachte man da, geht’s ’ne Nummer kleiner?

Aber, wie schön, Martina Rellins Frauen erzählen tatsächlich aus dem "richtigen Leben". Von Feigheit und Mut, Freude und Frust, Kindern und Männern und vielen, vielen Neuanfängen. Und sie tun es in einem unaufgeregten Ton. Die Stärke der Frauen im Buch liegt wohl darin, dass sie zu den Brüchen, die weibliches Leben ohnehin prägen, die Erfahrung eines Systembruchs haben. Zwar hätte durch diese Erschütterung der Sicherheiten auch die Angst vorm Fallen größer werden können. So ist es aber nicht, jedenfalls nicht bei diesen Frauen.

Freiwillig oder gezwungen suchen sie immer wieder nach neuen Möglichkeiten – beruflich wie für Liebe und Lust. Und sie tun das entspannt, pragmatisch, melancholisch, ironisch. Wie Kiki, eine Verwaltungsangestellte, die so gar nicht dem Klischee der verbeamteten grauen Maus entspricht. Eine Frau, die ihre Arbeit, den Mann und die erwachsenen Kinder liebt, aber auch kein Problem damit hat, sich das, was in der Ehe verloren gegangen ist, woanders herzuholen.