Religion Vom Glauben nach Gottes Tod
Gianni Vattimo und Friedrich Wilhelm Graf beleuchten die Renaissance der Religion
Es gehört zu den gängigen Aussagen über unsere Zeit, dass sie durch eine Rückkehr religiöser Überzeugungen und Glaubensformen gekennzeichnet sei. Nachdem Gott im letzten Jahrhundert zu Grabe getragen wurde und die Profanisierung der Moderne ihren Höhepunkt erreichte, drängen nun, so die Ansicht zahlreicher Gegenwartsdiagnostiker, religiöse Deutungsmuster in die Arena der politischen und sozialen Auseinandersetzung zurück, wo sie eine teils heilsame, teils heillose Wirkung entfalten.
Religiöse Sujets erfreuen sich in der aktuellen Kunst wie im Theater und Film erstaunlicher Beliebtheit. In den politischen Debatten stehen Fragen um den EU-Beitritt der Türkei und die öffentliche Demonstration religiöser Symbole wie Kruzifixe und Kopftücher im Vordergrund. Die Entwicklung der Biowissenschaften wird von Auseinandersetzungen um den Schöpfungscharakter der Natur und den göttlichen Ursprung des Lebens begleitet. Immer mehr Menschen suchen Zuflucht in sektiererischen Gemeinschaften, während der Globalisierungsprozess die religiös geprägten Differenzen zwischen den Weltkulturen zutage fördert.
Von daher ist es ein glücklicher Zufall, dass zwei Bücher gleichzeitig, wenn auch aus ganz unterschiedlichen Perspektiven die Renaissance des Religiösen beleuchten. Der Turiner Philosoph Gianni Vattimo, ein Vordenker der Postmoderne, geht von einer nicht neuen, aber folgenreichen Einsicht aus: Wenn Nietzsches bekanntes Wort „Gott ist tot“ gilt, dann gilt genauso gut das Gegenteil. Denn der Zweifel an Gott ist nichts anderes als der Zweifel an der absoluten Wahrheit, also kann auch die Todeserklärung Gottes keine letzte Geltung für sich beanspruchen. Wir sind, so Vattimo, „wieder frei, das Wort der Heiligen Schrift zu hören“ und erneut „an Gott zu glauben“.
Vattimo nimmt Heideggers Rede vom „Ende der Metaphysik“ auf und deutet sie als Absage an jede objektive Erkenntnis des Seins, das sich ausschließlich als geschichtliches Geschehen erfassen lässt, in das wir auf unhintergehbare Weise eingebunden sind. Somit ist uns nicht nur der sichere Grund der Wahrheit entzogen, sondern auch die Gewissheit, dass das religiöse Zeitalter vorbei ist. Das „schwache Denken“, wie Vattimo es nennt, kann sich dem Phänomen des Göttlichen wieder zuwenden, nachdem es durch die philosophische Vernunft entzaubert worden ist.
So wie Gott sich in der kénosis, in der Fleischwerdung, erniedrigt hat, um die Menschheit zu erlösen, ereignet sich die Wiedergeburt der Religion in dem Moment, in dem sie ihre autoritäre Rolle aufgegeben hat. Im Anschluss an die Lehre der drei Zeitalter Joachim von Fiores und die christliche Philosophie der Romantiker (allen voran Novalis) spricht Vattimo davon, dass wir in eine Epoche eingetreten sind, die vom „ökumenischen Gefühl“ und dem Geist der „Liebe“ beherrscht werde.
Frappierend an Vattimos Deutung der Spätmoderne ist nicht nur ihre nachmetaphysische Ausrichtung, die mit einer rigorosen Kritik an der Vorstellung Gottes als des „ganz Anderen“ einhergeht. Sondern auch, dass dem Heiligen „sekundäre Qualitäten“ zugesprochen werden, die es mit der virtuellen Realität des Medienzeitalters teilt. Gott bildet für Vattimo eine uneigentliche „Metapher“ und ein „Ornament“, mit dem wir eine Art ästhetischen Schleier über die krude Realität legen, um uns von ihrer Dürftigkeit zu entlasten.
Nur kein Rückfall in den dogmatischen Glauben
Die Merkmale der „Schwachheit“ und „Leichtigkeit“, die Vattimo dem Phänomen des Religiösen zuschreibt, sollen den Rückfall in den Dogmatismus des metaphysischen Glaubens vermeiden. Vattimo ist sich bewusst, dass der missionarische Eifer des Christentums eine Quelle kultureller Konflikte bildet, die es durch den Übergang „vom Universalismus zur Gastfreundschaft“ einzudämmen gilt. Um gewaltsame Konfrontationen zu verhindern, müsse die „Sichtbarkeit jeglichen religiösen Symbols im zivilen Leben“ reduziert werden und die christliche Botschaft in die „innere Erfahrung“ (Dilthey) des religiösen Subjekts verlagert werden, wo sie ihre karitative Kraft entfalten kann.
- Datum 25.03.2004 - 13:00 Uhr
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- Serie sachbuch
- Quelle (c) DIE ZEIT 25.03.2004 Nr.14
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