Mel Gibsons Film Die Passion Christi ist nicht nur eine Orgie der Gewalt. Er hat auch eine erschreckende politische Pointe. Er zeigt die Geburt des Fanatismus aus dem Geist des christlichen Fundamentalismus.

Für einen kostbaren Moment kurz nach dem Anschlag vom 11. September wiegte sich der Westen in der Illusion, Selbstmordattentate seien eine spezifisch islamische Form der Entgleisung religiöser Heilserwartung. Dieser Moment ist jetzt vorbei. Wer sich nicht vorstellen konnte, an welcher Stelle der Geist des Hasses aus den Evangelien steigen sollte, muss sich nur den Film ansehen. Wie in Ekstase feiert Gibson das Menschenopfer. Das Leiden Jesu wird zur Anklage, fast schon zu einer vorweggenommenen Rache. Das aber ist die Logik, nach der sich auch die islamistischen Selbstmordattentäter als Märtyrer verstehen. Sie wollen nicht nur möglichst viele Feinde mit in den Tod reißen; sie wollen mit ihrem eigenen Tod auch das Unrecht dieser Feinde beweisen. Seht her, so böse sind sie, dass ich ihretwegen sterben muss: Das ist die Botschaft des Attentäters.

Viele islamische Theologen haben den Selbstmord verurteilt und dabei nicht anders argumentiert als die Bischöfe der Antike, die es für eine schwere Sünde erachteten, wenn Christen freiwillig und ohne Not das Martyrium suchten oder durch ein Selbstopfer erzwingen wollten. Zur Zeit der römischen Christenverfolgung muss das, nicht anders als in den arabischen Ländern heute, eine verbreitete Übung gewesen sein. Offenbar sind sich Islam und Christentum nicht nur in ihrem biblischen Ursprung ähnlich. Sie kennen auch ähnliche Formen der Pervertierung.

Es gibt nicht nur eine Entchristianisierung, die sich im Leerstand von Kirchen zeigt. Es gibt auch eine Entchristianisierung, die sich im Herzen des Christentums vollzieht. Es verliert den Glauben an Gnade und Erlösung und verwandelt sich in hasserfüllte Weltverneinung. Diese Form der Ketzerei war in der Antike als Gnosis bekannt. Gnosis heißt wörtlich Erkenntnis; gemeint ist aber die religiöse Erkenntnis einer kleinen Schar Auserwählter. Ihnen ist gegenüber der Mehrheit der Ungläubigen jedes Mittel erlaubt.

Die Gnosis ist das Grundmuster religiösen und politischen Terrors. Sie liegt jeder Idee einer Avantgarde der Revolution zugrunde, der leninistischen Kaderpartei ebenso wie dem RAF-Terrorismus oder den Hisbollah-Milizen. In Peru gab es eine Guerilla mit dem sprechenden Namen Leuchtender Pfad. Auf diesem Pfad der Erleuchtung sind alle Gnostiker unterwegs: mit Hass und Gewalt gegen die Welt, die sich ihrem Glauben verweigert.

Die Lehre Jesu ist das nicht, der Vergebung der Sünden auch für seine Feinde versprach. An Vergebung sind aber die christlichen wie die islamistischen Eiferer nicht interessiert. Sie wollen ihren Glauben kampfbereit machen gegen seine tatsächlichen oder eingebildeten Feinde. Man kann darum nur hoffen, dass alle Christen die Botschaft des Hasses zurückweisen werden, die Mel Gibson in seinem Film gegen Juden und Römer, in Wahrheit aber gegen alle zu säen versucht, die seinen Fanatismus nicht teilen. Jens Jessen