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Harry, hol schon mal das Handy
Die Funktechnik von Polizei und Rettungsdiensten ist veraltet. Bund und Länder können sich nicht auf ein neues System einigen
Das Handy hat schon Leben gerettet“, sagt Konrad Freiberg, Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP). Gemeint ist das Privathandy des Polizisten. Denn der Polizeifunk versagt häufig den Dienst, sodass die Beamten gut daran tun, ihr eigenes Mobiltelefon mit zum Einsatz zu nehmen. Während das Telefonieren an jedem Ort und zu jeder Zeit, das Versenden von Bild- und Textnachrichten für viele Bürger längst selbstverständlich ist, arbeiten die Bürger in Uniform mit einem veralteten analogen Funksystem, das über 30 Jahre alt ist. Der Sprechfunk von Polizei, Feuerwehr und Rettungsdiensten erlaubt keine Übertragung von Daten, etwa von Fahndungsfotos. Technisch versierte Bastler können ihn abhören, und ein direktes Gespräch etwa zwischen Polizei und Feuerwehr ist nicht möglich.
Warum haben die Sicherheits- und Rettungsdienste (im Fachjargon BOS genannt, eine Abkürzung für „Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben“) noch kein modernes Funknetz? Die Antwort wirkt vertraut; willkommen in einer neuen Folge der Serie „Innovation in Deutschland“. Zwar gibt es eine technische Lösung des Problems, sogar mehrere, aber alle kosten viel Geld. Deshalb streiten Bund und Länder um das richtige Konzept – und darum, wer die Zeche zahlt. Mit dem Ergebnis, dass Deutschland außer Albanien das einzige Land in Europa ist, in dem noch nicht an einem nationalen BOS-Digitalfunk gearbeitet wird. Die Griechen mögen Schwierigkeiten haben, ihre Olympiastadien rechtzeitig zu den Spielen in diesem Sommer fertig zu stellen – ein moderner Polizeifunk wird aber zur Verfügung stehen. Deutschland dagegen wird Entsprechendes nicht einmal bis 2006 schaffen. „Nach heutiger Sicht wird es das bei der Fußball-WM nicht geben“, sagt Freiberg. Allenfalls im Umkreis einiger Stadien werden die Sicherheitskräfte digital funken.
Wenn bis dahin eine Entscheidung gefallen ist. Das Maut-Debakel steckt allen Verantwortlichen noch in den Knochen, und niemand möchte schuld sein an einer neuen Technologie-Entscheidung, bei der viel Geld in den Sand gesetzt werden kann. Um Milliarden Euro geht es – und um die Frage, ob Deutschland nach dem Aufbau von vier kommerziellen Handynetzen und UMTS mit einem weiteren Digitalfunknetz überzogen wird.
Ein Netz namens Tetra-BOS
Brauchen die Sicherheits- und Rettungsdienste ein eigenes Netz? Ja, sagt etwa die Telekom, die sich mit ihrer Sparte T-Systems um den Aufbau des neuen Dienstes bewirbt. Die Frequenz dafür gibt es seit langem: Der Bereich von 380 bis 400 Megahertz ist europaweit für die Behörden reserviert. Die Telekom könnte problemlos auf den Sendemasten der Mobiltochter T-Mobile neue Antennen anbringen, die Bürgerinitiativen gegen Mobilfunkstrahlung würden es wohl nicht einmal merken. Dieses Netz mit dem Namen Tetra-BOS würde neben der Exklusivität auch einiges bieten, was das gewöhnliche Handynetz nicht kann:
– Die Leitstelle der Einsatzdienste kann so genannte geschlossene Benutzergruppen zusammenstellen, auch gemischt aus Polizei und Rettungsdiensten, die im Einzelfall zusammenarbeiten. Wie beim Sprechfunk spricht dann jeder mit jedem – ein Knopfdruck genügt.
– Das Netz ist durch moderne Verschlüsselungsverfahren abhörsicher.
– Auch wenn kein Mobilfunkmast in der Nähe ist oder das Netz zusammengebrochen ist, kann man im so genannten Direktmodus unmittelbar von Gerät zu Gerät funken. Das geht im Handynetz nicht.
Dass Tetra funktioniert, beweist seit einigen Jahren ein Pilotversuch in Aachen. Allerdings fuhr den Verantwortlichen bei Bund und Ländern der Schreck in die Glieder, als sie das Preisschild sahen, das am ersten Angebot von T-Systems baumelte: 7,5 Milliarden Euro sollte der Aufbau kosten. Daraufhin wurden die Ansprüche reduziert. Nun gibt es ein neues Angebot. Auf 3 bis 3,5 Milliarden Euro schätzt TSystems die Kosten für eine abgespeckte Variante, bei der nur noch 3000 der 25000 T-Mobile-Masten mit neuen Antennen versehen werden. Allerdings lässt damit auch der Komfort nach: Zwar wäre in der Stadt eine flächendeckende Versorgung für die Polizeihandys noch möglich, auf dem Land aber ist der Empfang nur im Auto garantiert. Wenn der Beamte eine Leiche im Wald findet, sitzt er womöglich im Funkloch. Der sichere Empfang in geschlossenen Gebäuden ist in der neuen Kalkulation auch nicht enthalten. Für GdP-Chef Freiberg ist diese Light-Version nicht akzeptabel: „Wir halten es für katastrophal, wenn man den Preis dadurch senkt, dass man die Qualität mindert.“
Wirrwarr in Europa
Axel Birkholz, der bei T-Systems das Tetra-Projekt leitet, versucht die immer noch hohen Kosten zu relativieren, indem er sie auf die nächsten zehn Jahre und den einzelnen Beamten umrechnet. Dann kommt nur noch eine monatliche „Handyrechnung“ von etwa 40 Euro pro Polizist heraus. Immer noch eine Menge Geld. Bisher hat sich Bundesinnenminister Schily nicht mit seinen Kollegen in den Ländern einigen können, wie diese Kosten verteilt werden. Der Bund, auf dessen Bundesgrenzschutz nur 8,5 Prozent der Endgeräte entfallen werden, will 10 Prozent der Rechnung übernehmen. Die Länder verlangen dagegen, dass Schily die Hälfte der Kosten trägt. Nun wurde beschlossen, dass man erst einmal eine Ausschreibung veröffentlicht, dann über die Technik befindet und erst dann wieder über die Kostenteilung spricht – so als würde man im Restaurant erst einmal das Essen bestellen, bevor klar ist, wer die Zeche zahlt.
T-Systems hat mit Motorola einen Partner gefunden, der die Hardware für den neuen Dienst anbieten könnte. Tetra-Systeme sind bereits in den Niederlanden, in Belgien und Großbritannien im Einsatz. In Frankreich und Spanien dagegen funkt die Polizei mit Tetrapol – ein konkurrierendes System des Luft- und Raumfahrtkonzerns EADS, der traditionell gute Kontakte zum Militär unterhält. Obwohl sie dasselbe Frequenzband nutzen, sind die beiden Systeme nicht miteinander kompatibel. Schon jetzt ist also klar, dass es ein einheitliches europäisches BOS-System vorerst nicht geben wird. Die Landkarte wird einem Flickenteppich mit mindestens zwei Farben gleichen.
Es könnte noch eine dritte Farbe dazukommen. Seit zwei Jahren bringt der Mobilfunkanbieter Vodafone Unruhe in die Szene. Vodafone behauptet: Alle Anforderungen der Behörden sind auch mit einem System auf Basis des bestehenden GSM-Handynetzes zu erfüllen, ohne dass ein einziger neuer Sender errichtet werden muss, und das erheblich billiger.
Das Hauptargument für ein separates BOS-Netz war bislang immer die Sicherheit der Kommunikation: Wenn sich die Polizei ein Netz mit dem gemeinen Volk teilen muss, so lautet die Begründung, dann besteht die Gefahr, dass sie gerade in Katastrophensituationen nicht kommunizieren kann, weil das Netz überlastet ist – etwa bei einer Massenpanik im Fußballstadion. Zwar könnte man im Notfall das Netz für private Nutzer sperren, aber das ist auch nicht erwünscht – ein von einer Lawine Verschütteter soll sich ja noch per Handy melden können. Deshalb brauchten die Behörden praktisch eine separate Funk-Autobahn, um nicht im Stau stecken zu bleiben. Es gibt aber eine technische Lösung für dieses Problem. Vodafone verspricht, sein vorhandenes Netz so auszubauen, dass man den Sicherheitskräften im Notfall eine bestimmte Zahl von Kommunikationskanälen garantiert, aber immer noch genügend „Slots“ für die öffentliche Kommunikation übrig bleiben. Mit anderen Worten: Die Autobahn wird so weit ausgebaut, dass im Notfall einige Spuren für Polizei und Rettungsdienst freigehalten werden können.
Auch die anderen Anforderungen an das BOS-System, etwa die nach geschlossenen Benutzergruppen, lassen sich durch eine Änderung der Netzsoftware erfüllen, sagt Vodafone-Projektleiter Peter Schmitz. Einzig der Direktmodus wird im GSM-Netz nicht zu verwirklichen sein. Für das Gespräch von Gerät zu Gerät soll dann die Tetra-Frequenz genutzt werden – entsprechende Dualbandtelefone gibt es bereits. Ein großer Vorteil dieser Geräte: „Es bleibt immer ein normales Handy“, sagt Schmitz. Also ein Telefon, das in ganz Europa funktioniert. In einem Pilotprojekt in Würzburg konnte Vodafone die Praxistauglichkeit seines Systems bereits demonstrieren.
Das stärkste Argument für die Vodafone-Lösung ist freilich nicht die Technik, sondern der Preis. 2,3 Milliarden Euro soll die Umrüstung des Handynetzes kosten, das ist deutlich billiger als die Konkurrenz. Die stellt das Angebot des Newcomers denn auch als unausgereifte Nischenlösung hin. „Die Frage ist: Wie viel ist mir die Sicherheit wert?“, sagt Axel Birkholz von T-Systems. Auch dem Polizeigewerkschafter Konrad Freiberg ist nicht wohl bei dem Gedanken, dass seine Kollegen im Ernstfall über das Netz eines internationalen Konzerns funken sollen. „Man weiß ja nie, wem die Netze gehören – irgendwann kauft vielleicht Saudi-Arabien Vodafone auf.“
Während T-Systems nach außen sein Tetra-System als beste Lösung anpreist, verfolgt der Konzern aber neuerdings eine zweigleisige Strategie. Aufgerüttelt durch das Dumping-Angebot von Vodafone, bietet mittlerweile auch T-Mobile einen Behördenfunk auf GSM-Basis an, der deutlich billiger wäre als Tetra. Auf der Cebit wurden beide Systeme präsentiert – und die Techniker am T-Mobile-Stand widersprachen so manchem Argument ihrer Kollegen von T-Systems.
Alle Anbieter suggerieren, gerade beim System der Konkurrenz sei die Gefahr am größten, dass sich das Maut-Debakel wiederholt. Vodafone führt die hohen Kosten des Tetra-Systems ins Feld. Die Verfechter von Tetra und Tetrapol verweisen wiederum darauf, dass Deutschland mit Vodafone wieder einen nationalen Sonderweg gehen und eine noch nirgends erprobte Einzellösung suchen würde. „Wenn Deutschland sich für GSM entscheidet, dann ist das ein Startsignal auch für andere Länder“, kontert der Vodafone-Mann Peter Schmitz.
Albanien soll sich noch nicht festgelegt haben.
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- Datum
- Quelle (c) DIE ZEIT 25.03.2004 Nr.14
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