Mitte März hat Maria-Helene alle ihre Freundinnen angerufen. Sie hat ihnen gesagt, dass es ihr im Moment nicht gut gehe, dass sie sich mit einem schwerwiegenden Problem auseinander setzen müsse. Ein familiäres Problem, über das sie mit niemandem außerhalb der Familie reden möchte. In den nächsten Wochen wolle sie ihre Zeit nur mit ihrer Familie verbringen, mit ihrem Ehemann, ihren Söhnen, der Schwiegertochter und ihrem Enkel. Dafür hat sie um Verständnis gebeten.

Maria-Helene ist Ende 50, sie wohnt in einem Dorf am Niederrhein. Als sie 21 war, wurde die gelernte Arzthelferin mit ihrem ersten Sohn schwanger. Damals hat sie ihren Beruf aufgegeben und ihre gesamte Zeit und Energie ihrer Familie gewidmet. Zweieinhalb Jahre später kam ihr zweiter Sohn zur Welt.

Vor mehr als dreißig Jahren hat sie gemeinsam mit ihrem Mann einen Bungalow gebaut, mit wenig Geld und viel Arbeit. Der Bungalow steht nicht einmal zwei Kilometer entfernt von dem Haus, in dem sie aufgewachsen ist. In dieser Gegend sind die Häuser verklinkert und die Fenster mit weißen Gardinen verhangen. Die Rasenflächen vor den Häusern werden ordentlich gestutzt und sind mit niedrigen Ziegelmauern eingefasst. Maria-Helene hält den Bungalow, in dem sie mit ihrem Mann lebt, peinlich sauber und verwendet viel Zeit darauf, die Räume liebevoll mit Blumengestecken zu dekorieren, die sie selbst anfertigt. Regelmäßig treffen sie und ihr Mann sich mit Freunden an einem Abend zum Kartenspielen, an einem anderen zum Kegeln. Wenn Maria-Helene Nachbarn auf der Straße trifft, bleibt sie oft eine Weile stehen und unterhält sich mit ihnen. Sie ist eine freundliche, warmherzige Frau, häufig suchen ihre Freundinnen bei ihr Trost und Rat. Trost, der ihr selbst in diesen Wochen, wie schon so oft in ihrem Leben, versagt bleibt. Weil sie sich nicht in der Lage fühlt, ihn anzunehmen.

"Noch nicht", sagt sie, möglich, dass es irgendwann anders aussieht. Darauf hofft sie. Doch bis es so weit ist, möchte sie mit niemandem reden über das, was ihren Frieden, den inneren und äußeren, bedroht.

Das Problem, über das Maria-Helene im Moment noch nicht sprechen möchte, ist ein Buch. Das Buch erzählt die Lebens- und Drogengeschichte ihres Sohnes, es ist gerade erschienen. Ich habe dieses Buch geschrieben, Maria-Helene ist meine Mutter. Und sie hat große Angst vor meinem Buch.

Vor drei Jahren fragte mich ein befreundeter Spiegel -Redakteur, ob ich mir vorstellen könne, einen Artikel über mein Doppelleben zu schreiben. Zu dieser Zeit war ich 35 Jahre alt und stand kurz vor meiner dritten Drogentherapie. Mit 18 hatte ich begonnen, Heroin und Kokain zu spritzen, mit 24 hatte ich meine erste Therapie beendet und anschließend bei der Zeitschrift Tempo eine Ausbildung zum Journalisten durchlaufen. Danach schrieb ich für einige der interessantesten Zeitungen und Magazine des Landes, neben Tempo für jetzt , das Jugendmagazin der Süddeutschen Zeitung oder die Woche . Am Neujahrsmorgen 1996, zwei Wochen vor meinen 30. Geburtstag, kaufte ich mir wieder Heroin, das erste Mal seit fünf Jahren. In den folgenden Jahren wurde mein Drogenkonsum immer exzessiver, meine Abhängigkeit immer stärker. Doch gleichzeitig mit meiner Drogenkarriere schritt auch meine berufliche Karriere voran, bald schrieb ich regelmäßig für den Spiegel und auch für die ZEIT, unterbrochen von zahlreichen Entgiftungs- und Therapieversuchen. Ein Kampf mit der Sucht, die beinahe meine Zukunft und meine Gesundheit zerstört hätte. Oft stand ich kurz davor, diesen Kampf zu verlieren. Nur einige wenige meiner Kollegen wussten von meiner Drogenabhängigkeit.

Im Sommer 2003 veröffentlichte der Spiegel einen Text, in dem ich einen Tag im Jahr 1999 beschrieb und versuchte, das Elend der Sucht, den Spagat zwischen der Drogenabhängigkeit und meiner Arbeit als Journalist, meine Verzweiflung, meinen Selbsthass in Worte zu fassen. Damals entschied ich mich, den Text anonym zu veröffentlichen. Aus Angst vor beruflichen Konsequenzen; aber auch aus Rücksicht auf meine Eltern.

Im vorigen Sommer habe ich die Arbeit an meinem Buch begonnen. Lange Zeit war ich mir nicht sicher, ob ich meinen Namen darauf setzen sollte. Als ich zum ersten Mal mit meinen Eltern darüber sprach, erlitt meine Mutter einen Weinkrampf. "Wenn du das tust", sagte sie, "verlasse ich das Land." Ich versuchte, sie nach ihren Befürchtungen zu fragen; "wir müssen darüber reden", sagte ich. Sie lief weinend aus dem Zimmer, ein Gespräch war nicht möglich. "Lass sie besser in Ruhe", sagte mein Vater. In Ordnung, dachte ich. Noch blieben mir einige Monate Zeit, bis ich dem Verlag eine verbindliche Entscheidung mitteilen musste. Eine Entscheidung, die ich gemeinsam mit meinen Eltern treffen wollte.