Manchmal schreibe ich die Kolumne in einer Stunde und bin hinterher happy. Manchmal fange ich am Montag an, trödele den halben Tag, entscheide mich am Dienstag für ein völlig anderes Thema, wieder drei Stunden, bin den ganzen Mittwoch schlecht gelaunt, schreibe am Donnerstag noch mal alles um und gebe am Freitagmorgen, also verspätet, etwas ab, von dem mir die innere Stimme zuraunt, dass es nicht so gut ist, wie ich es gern hätte.

Letzteres kommt immer öfter vor. Ich sprach mit einer Kollegin. "Ich bin in der Krise." Sie sagte: "Mir in meiner Krise hat Creative Writing geholfen." Also habe ich mit der Homepage des Instituts für Kreatives Schreiben Kontakt aufgenommen. Erstens: Wolfsblut.

Sie sagen dort, dass Schreibblockaden mit einer Art Wackelkontakt zwischen der rechten und der linken Hirnhälfte zu tun haben. "Eine wesentliche Voraussetzung für das natürliche Schreiben ist, dass beide Hirnhälften mitwirken." Schreiben ist wie Laufen. Wenn beim Laufen nur ein Bein mitwirkt, sieht es ebenfalls unnatürlich aus, solch ein Läufer bekommt kein Honorar. Sie sagen außerdem, dass jeder gute autobiografische Text in drei Schritten entsteht: Erinnern, wiederholen, durcharbeiten. Jetzt die Frage: Wie mache ich das? "Die visuelle Form des Clusterings ermöglicht dem Gehirn die Korrespondenz zwischen der linken und der rechten Hemisphäre." Zweitens: Flöhe.

"Cluster" heißt Büschel. Beim Clustering, also Büscheln, schreibt man den Begriff, zu dem man eine Kolumne oder auch einen Roman verfassen will, in die Mitte eines weißen Blattes, malt einen Kreis herum und schreibt dann andere Begriffe, die einem spontan dazu einfallen, ebenfalls auf das Blatt, kreiselt sie ein und verbindet sie mit dem Wort in der Mitte. Fertig. Das Büschel ist gebüschelt. Nun muss man nur noch eine fetzige Handlung erfinden mit den ganzen Begriffen darin. So werden Blockaden gelöst, und das gespaltene Gehirn wird mit friedlichen Mitteln wiedervereinigt. Drittens: Hundehaufen.

Zum Beispiel meine Hundeblockade. Wer meine Biografie verfassen möchte, könnte als roten Faden eine Kette von Hundeverunglimpfungs- und Hundeherabsetzungsartikeln wählen, die ich im Laufe meines Lebens verfasst habe. Das kommt daher, weil ich mit drei von einem Schäferhund zerfleischt worden bin. Wenn ich auch nur von weitem einen Zwergpinscher sehe, kriege ich sofort feuchte Hände.

Zwar ist mir klar, dass inzwischen längst eine neue Generation von Hunden herangewachsen ist, die mit diesem Verbrechen ihrer Ahnen nicht das Geringste zu tun hat und wirklich bloß spielen will – aber ich kann den Tieren einfach nicht verzeihen. Es ist aber nicht die Schuld der Hunde, sondern meine. Ich habe mein Trauma nicht sauber durchgearbeitet. Sobald ein Hund sich nähert, gibt es einen Hirnhälftenwackelkontakt.

Jetzt schreibe ich das Wort "Hund" und kreisele es ein. Dazu fallen mir spontan ein: Hundehaufen, Flöhe, Zerfleischen sowie das Buch Wolfsblut von Jack London.