"›Woher kommt die Milde, mit der Sie Ihre Figuren zeichnen?‹, fragt der Teufel. ›Das hat schon etwas mit Fatalismus zu tun‹, antworte ich. ›Aber ich resigniere vital. Ich versuche das Resignieren so zu gestalten, dass ich was davon habe‹"

Plötzlich ist er da. Wie aus dem Nichts. Ein schmächtiges Kerlchen. Schnelle Bewegungen. Er schaut sich ständig um. Irgendwie abgelenkt. Irgendwie auf der Lauer. Der Teufel, der sich zu mir an den Tisch gesetzt hat, gehört zu den niederen Chargen. Ein armer Hund. Eigentlich hat er Rheuma, und ihm ist zu heiß. Er leidet. Ein Vertretertyp. Er denkt, er kann mich holen. Aber es ist einer der ersten warmen Tage, wir sitzen im Biergarten und trinken erst mal ein Weißbier.

"Was glauben Sie", fragt er mich, "gibt es in der Hölle Humor?" – "Wenn ich an die Hölle von Wilhelm Busch denke, schon", sage ich. "Wenn da die fromme Helene in den Topf kommt, das ist schon komisch. Überhaupt die katholische Hölle, die empfinde ich als sehr komisch, irgendwie. Selbst dem Hieronymus Bosch seine Hölle ist ja komisch, auch wenn da die Menschen gepiesackt und gefoltert und von unheimlichen Wesen zerstückelt und gequält werden. Aber diese Hölle hat auch etwas Naives. Etwas Schönes. Wenn in der Hölle einfach nichts wäre – Leere –, dann wäre das fast schlimmer zu ertragen als die klassische Hölle, wo man im Feuer sitzt und brutzelt."

"Wissen Sie, was mein Problem ist?", seufzt der Teufel nach dem zweiten Schluck und wischt sich den Schaum von der Nase. "Dass niemand mehr richtig Angst vor mir hat. Es ist so schwer geworden mitzuhalten und up to date zu sein bei den heutigen Gemeinheiten. Vor allem bei den abstrakten Gemeinheiten, den digitalen und sonstigen High-Tech-Methoden, die mittlerweile angewandt werden. Die Infamie selbst hat sich nicht so sehr geändert. In der Renaissance und auch davor gab es genügend Gemeinheit: Giftmischer, Meuchelmörder oder Habgierige. Aber die Methodik, die Instrumente, die Möglichkeiten, die sind elaborierter und teuflischer geworden. Da haben arme Teufel wie ich Schwierigkeiten, technisch mitzuhalten."

"Ja", sage ich. "Der Teufel ist inzwischen eine zunehmend sympathische Figur geworden. Wissen Sie, ich stamme aus Altötting, einem katholischen Wallfahrtsort. Da war die Hölle immer präsent. Bei uns gab es die verschiedensten Teufel. Wir waren daran gewöhnt. Bei uns hat man den Kindern erzählt, ein Teufel, wie der Sparifankerl etwa, der käme ganz schnell aus irgendeiner Erdspalte raus und könne einen mitreißen. Der Teufel gehörte einfach zum Allgemeingut. Aber schon damals waren die Teufel im Grunde arme Schweine. Die mussten ihren Dienst tun, wie alle. Das Wort ›Teufel‹ allein wirkte harmlos.

Beim Wort ›Satan‹ wurde es schon abstrakter. Der Satan ist so ein Hintermann, ein Drahtzieher. Die Teufel sind eher sozusagen das Fußvolk. ›Luzifer‹ klingt auch sympathischer als ›Satan‹. Luzifer, der das Licht macht. Also auch einer, der planen muss. Dass alles seine Ordnung hat in der Hölle. Dass die Betreuung funktioniert. Aber er schien im eigentlichen Sinn nicht schrecklich, komischerweise. Er schien irgendwie… lebendig."

"Dann sind wir irgendwann beim Kasperltheater. Da nimmt uns überhaupt niemand ernst. Da werden wir nur ausgelacht", sagt der Teufel.

"Das ist das Schöne an den ganzen Parabeln in unserer Welt, dass all diese Schreckensfiguren vermenschlicht werden und damit Eigenschaften haben und man mit ihnen im Endeffekt sogar verhandeln kann. Die abstrakten Figuren sind da schwieriger. Satan – der ist jenseitig. In Bayern sagt man eben auch nicht abstrakt: Gott. Sondern: der Herrgott. Das ist was anderes. Weil dieser Mann mit dem weißen Bart erträglicher ist als: Gott. Gott ist zu abstrakt. Im Bayerischen will man das nicht. Und natürlich freuen wir uns im Kasperltheater, wenn der Teufel kommt – weil man ihn braucht. Der Teufel muss ja ausgetrickst werden."