Wie ausgeschnitten und an einem fremden Ort eingefügt steht er in der österreichischen Gebirgslandschaft. Schwarz ist sein langer Ledermantel, und blass ist sein Gesicht, als hätte er schon zu viel Gothic-Lieder gehört, genervt von diesem Ort, in dem, wie er sagt, auf fünf Kühe ein Mensch kommt. Und es gibt nicht viele Kühe hier. Sein Blick gleitet über die Dorfstraße hinaus, als suche er etwas in der Ferne. Seine Augen sind leuchtend grün, was nicht an der Sonne und der klaren Bergluft liegt, sondern daran, dass er sich infiziert hat.

Dann beginnt der 17-Jährige zu erzählen, wie erst sein Computer und dann er selbst angesteckt wurde, damals, vor vier Jahren, als ein Virus auf dem Rechner seines Vaters erschien. Ein "Mysterium" war das für ihn, eine Nachricht aus einer anderen, verbotenen, faszinierenden Welt. Er wollte mehr wissen: Fieberhaft suchte er im Internet, fand eine Seite von Ungarn, die sich Viren-Autoren nannten, begann mit so genannten Virus-Construction-Kits den Bausatz der infektiösen Codes zu studieren, lernte Programmiersprachen, bis er selbst Viren schrieb unter dem Pseudonym Second Part to Hell. Anders möchte er auch hier nicht benannt werden.

Ein paar hundert Kilometer entfernt sitzt Philet0ast3r, auch er einer, der in diesem Zusammenhang Wert auf seinen Online-Namen legt, vor seinem Bildschirm in einem Ein-Zimmer-Appartement in einem kleinem Ort in Oberbayern. Der Raum ist voll mit Postern, die seine Vorliebe für Punk zeigen, ein Schrank wirkt mit No-Logo-Aufklebern fast versiegelt. Die zu Dreadlocks verknoteten Haare des 21-Jährigen schimmern dicken Kabeln gleich vor dem Computerlicht. Zahlen schieben sich über den Bildschirm, als seien es ferngesteuerte Karawanen. Eine Landschaft aus Zeichen, die sich ständig verändert. Philet0ast3r geht es, sagt er, um Verschlüsselung und Schönheit. Einen Virus zu schreiben sei mit einer Kunst vergleichbar. Der Code muss kurz und effizient sein, wie ein eindringliches Gedicht.

Second Part to Hell und Philet0ast3r gehören einer Gruppe von Viren-Schreibern an, die sich Ready Rangers Liberation Front nennt. Vor drei Jahren wurde die Gruppe auf einem Netto-Supermarkt-Parkplatz in Oberbayern beim Skateboarden gegründet. Heute ist die Gruppe bekannt in der internationalen Viren-Szene. Auf ihrer Webpage zeigen die Gruppenmitglieder, von denen einige auf den Philippinen oder in Detroit leben, ihre Werke. Das sei schon alles, sagt Philet0ast3r, das sei ihr oberstes Prinzip: Die von ihnen geschaffenen Viren verbreiteten sie niemals. Auf ihrer Internet-Seite steht die Warnung, dass die Ready Rangers Liberation Front keine Verantwortung übernähme, wenn jemand mit ihren Programmen etwas Illegales anstelle. Theoretisch ist das leicht; jeder kann sie sich mit ein paar Mausklicks herunterladen.

Noch nie waren so viele Computerviren im Internet im Umlauf. 2004 sei nahezu jede zweite E-Mail, die auf einem mit Microsoft ausgestatteten PC einging, mit einer Wurm-Variante verseucht, sagt Klaus Brunnstein, Professor für Informatik an der Universität Hamburg. Sein Fachbereich hat die weltweit größte Viren-Datenbank zusammengetragen. Auf rund 50000 ist die Zahl der Computerschädlinge gestiegen. Viren hängen sich an Dateien an, die beispielsweise mit E-Mail verschickt wurden und erst bei deren Öffnen aktiviert werden. Würmer dagegen verbreiten sich von selbst, sobald sie per E-Mail im Postfach eintreffen. Die meisten neuen Varianten dieser Software-Spezies sind Mischformen. Und es gibt immer neue.

Denn in der Szene wetteifert man ständig darum, sich weiterzuentwickeln. "Ein Virus, der sich einfach nur verbreitet und dabei ein paar Dateien löscht, den gibt es schon tausendfach", sagt Philet0ast3r. Die Anerkennung, den Respekt in der Gemeinde der Viren-Schreiber bekommt man für das Außerordentliche. Wie in jeder Jugendkultur gibt es die Künstler, die verehrt werden, und das Fußvolk, das sich einen Namen machen will, das die Künstler imitiert und dabei möglichst gut sichtbare Spuren hinterlässt, um teilzuhaben am Ruhm. Man benutzt Betriebssysteme wie die von Microsoft, die so mächtig erscheinen, und dringt in deren Lücken ein. Man besetzt die Fehler im System, um selbst etwas mächtiger zu erscheinen.

Die meisten Viren-Schreiber verbreiten ihre Werke aber nicht, betont auch Second Part to Hell. Verbreiten, das tun meist andere. Leute, die gern zur Szene gehören würden, Script Kiddys genannt, die meist nicht programmieren können, aber die Viren- oder Würmer-Programme über E-Mails, Chats oder Netzwerke im Internet ausstreuen.

Wirklich guten Viren-Autoren, sagt Second Part to Hell, und in Österreich kenne er davon außer sich selbst nur drei, ginge es um anderes.