Kein Tag vergeht ohne einen Anschlag. Dreißig Monate nach dem Beginn des "Antiterrorkriegs" rollt eine neue Terrorwelle. Neben Amerika, dem Nahen und Fernen Osten ist nun auch Europa zum Angriffsgebiet geworden. Ein Jahr nach dem Krieg erbebt der Irak unter den Attacken der Selbstmordattentäter. Israelische Raketen töten den Hamas-Führer Scheich Jassin, die Palästinenser wüten, damit sei das "Tor zur Hölle aufgestoßen" worden. Die Bilanz seit dem 11. September: mehr Terror, mehr Anhänger des Terrors, mehr Konflikte, die den Terror eskalieren lassen.

Was hat der Westen falsch gemacht? Die Geheimdienste können manche Anschläge, aber nicht alle verhindern. Der Krieg im Irak hat einen totalitären Diktator beseitigt, doch terroristische Desperados angezogen. Afghanistan hat zwar einen Präsidenten, zerfällt aber in Stammesprovinzen. So weit die Behandlung der Symptome.

Eine Wundertüte für den Orient

Wie aber sind die Ursachen des Terrorismus zu bekämpfen? Der jüngste Anstoß kommt aus Amerika. Dort haben die Arab Human Development Reports der Vereinten Nationen die Nahost-Planer alarmiert. Nur 1,6 Prozent der Araber haben Internet-Zugang, 40 Prozent sind Analphabeten, 51 Prozent möchten am liebsten ihr Land verlassen. Die Schlussfolgerung: Der Nahe und der Mittlere Osten brauchen ein Entwicklungsprogramm, das die Amerikaner in einer Greater Middle East Initiative verpackt haben, einer Art okzidentaler Wundertüte für den Orient. Sie quillt über vor feinen Ideen: freie Wahlen und demokratische Parteien, Emanzipation der Frauen, Aufbau unabhängiger Medien, Entwicklung von Schulen und ein Wirtschafts-Förderungsprogramm, schließlich der Beitritt zur Welthandelsorganisation WTO.

Das Programm hat den Vorzug, dass es sich neben früheren Nahost-Projekten des Westens – von den Kreuzzügen bis zu den Golfkriegen – bemerkenswert friedlich ausnimmt. Die Europäer sprechen darüber auf dem EU-Gipfel am 25. März, die arabischen Staaten werden in Tunis am 29. März um ein Votum dazu ringen. Die G8-Industriestaaten und die Nato wollen es im Juni zum Gipfelthema machen. Doch lässt sich mit einer solchen Wundertüte Frieden schenken?

Erhellend ist der Vergleich mit den Erfahrungen der Briten, die Nah- und Mittelost vor 90 Jahren neu ordnen wollten. An den Folgen leidet die Region noch heute. Erste Lehre: Auch die Briten brachten damals feine Konzepte mit, garniert mit liberaler Befreiungsrhetorik. Um die zerstrittenen Stämme zu versöhnen, förderten sie den arabischen Nationalismus und verteilten Fahnen an jedermann. Die Modernisierung scheiterte. Zu ambitioniert, zu ahistorisch war sie. Und da liegt die Lektion für heute.

Ein einziges Programm für alle Staaten von Marokko bis Afghanistan kann nicht funktionieren. Das Reformkonzept für den Greater Middle East ähnelt in der Form zu sehr der Plattschaufel der Geopolitik, mit der das Minenfeld der islamischen Welt umgegraben werden soll. Ein selbstmörderischer Ansatz, wird doch im Nahen Osten die Behutsamkeit des Minensuchers gebraucht. Stück für Stück muss er sich vortasten. Denn in jedem Land liegt anderer Sprengstoff begraben.

Vor allem jenen Minenproduzenten, die bisher nicht Teil der Initiative sind, gebührt besondere Aufmerksamkeit: dem Irak und Israel/Palästina. Die Befriedung des Iraks ist eine weltpolitische Aufgabe, vor der sich auch Europäer nicht drücken dürfen. Der Palästina-Konflikt, fast ein Krieg, gehört ins Zentrum amerikanischer Außenpolitik. Israelis und Palästinenser brauchen den steten, gleich verteilten Druck, denn ihr Kampf vergiftet auch den Hauch von Normalisierung in Arabien.