Bad Segeberg

Die Gemeinde ist in ausgelassener Stimmung. Zu Purim, dem jüdischen Freudenfest, hat sich die junge ukrainische Rabbinerstudentin vom Potsdamer Abraham-Geiger-Kolleg, die an diesem Samstagvormittag den Gottesdienst leitet, eine Überraschung ausgedacht. Sie singt die Psalmen und Lieder ausnahmsweise nicht zu traditionellen religiösen, sondern zu populären Melodien wie Yesterday oder Santa Lucia vor. Man kann nur bewundern, wie unbeirrt sie die richtigen Töne trifft. Denn von nebenan dringen störende Klampfenklänge und rhythmische Klatschgeräusche durch die Wand: Eine christliche Jugendgruppe hat sich auf Robbie Williams eingestimmt. Zwischendurch läuten vom angrenzenden Kirchturm her durchdringend die Glocken.

Wir befinden uns nämlich nicht in einer Synagoge, sondern im evangelischen Gemeindezentrum von Bad Segeberg. Die im Februar 2002 gegründete Jüdische Gemeinde des schleswig-holsteinischen Provinzstädtchens hat bei den örtlichen Protestanten Unterschlupf gefunden. Über eigene Räumlichkeiten verfügen die Juden noch nicht. Das aber soll sich so bald wie möglich ändern. Stolz führt die stellvertretende Gemeindevorsitzende Ljudmilla Budnikov, die wie zwei Drittel der mittlerweile schon 130 Köpfe zählenden Gemeinde aus den ehemaligen GUS-Staaten stammt, interessierte Gäste durch die Lohmühle, ein altes, verlassenes Fabrikgebäude im Zentrum des Ortes, das der Magistrat den Segeberger Juden für einen symbolischen Kaufpreis zur Verfügung gestellt hat. In diesem Gemäuer sollen eine Synagoge – der erste Neubau eines jüdische Gotteshauses in Norddeutschland nach dem Krieg – und Räume für die vielfältigen sozialen und kulturellen Gemeindeaktivitäten entstehen. Nur eines wissen die begeisterten Initiatoren des anspruchsvollen Plans noch nicht genau: wie sie das Ganze finanzieren sollen. Private Sponsoren wie der Brillenhersteller Fielmann haben immerhin bereits so viel gespendet, dass im Sommer schon einmal der Boden befestigt werden kann. Im Mai soll Grundsteinlegung sein.

Rasseln und Tröten zu Purim

Bei dem Bad Segeberger Synagogenprojekt handelt es sich um die wohl spektakulärste Initiative, die derzeit aus den rasch wachsenden jüdischen Gemeinden Deutschlands zu vermelden ist. Was die jüdischen Bürger dort auf die Beine stellen, kann als beispielhaft für jenen Geist der Selbstorganisation gelten, der unter dem Schlagwort "Eigenverantwortung der Zivilgesellschaft" allerorten eingefordert wird. Denn die Gemeinde erhält keine öffentlichen Fördermittel. Schuld daran ist aber nicht etwa böser Wille der zuständigen schleswig-holsteinischen Landesregierung. Im Gegenteil: Die zeigt sich über das überall im Lande neu aufsprießende jüdische Leben hoch erfreut. Seit im September 2001 in Lübeck die erste jüdische Gemeinde Schleswig-Holsteins nach der Schoah wiedergegründet wurde, sind außer in Bad Segeberg in Elmshorn, Pinneberg und Ahrensburg weitere hinzugekommen. Dass sie bis heute von der Teilhabe am staatlichen Förderungstopf ausgeschlossen sind, hat seine Ursache in einer erbitterten innerjüdischen Auseinandersetzung.

Purim – das ist eine Art jüdischer Karneval, und so versammeln sich etwa vierzig Segeberger Gemeindemitglieder nach dem Gottesdienst schrill verkleidet um einen großen Tisch und lesen mit verteilten Rollen und viel Jux aus dem Buch Esther, das von der Rettung der exilierten persischen Juden vor den Vernichtungsplänen des Hofbeamten Haman erzählt. Immer wenn der Name des Bösewichts Haman fällt, wird laut gebuht und mit Rasseln und Tröten gelärmt. Ähnliche Reaktionen provoziert bei den jüdischen Bad Segebergern nur noch der Name Wankum.

Andreas C. Wankum ist der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Hamburg, die ihnen die Anerkennung als offizielle jüdische Gemeinden verweigert. Warum kann sie das überhaupt? Weil den Hamburgern vor Jahren, in Ermangelung eines schleswig-holsteinischen Landesverbandes, vom Zentralrat der Juden in Deutschland die Betreuung der im angrenzenden Bundesland lebenden Juden übertragen worden war. Deshalb hat das Land Schleswig-Holstein den Staatsvertrag, der die Finanzierung jüdischen Lebens im nördlichsten Bundesland regelt, mit der Hamburger Gemeinde abgeschlossen. So wandert das Geld des schleswig-holsteinischen Steuerzahlers an die Vertretung der Juden in der Hansestadt, die entscheidet, wer in Schleswig-Holstein wie viel davon abbekommt.

Doch bei ihnen, klagen die Vertreter der unabhängigen Gemeinden Elmshorn, Ahrensburg, Pinneberg und Bad Segeberg, sei nie ein Cent angekommen. Deshalb haben sie gemeinsam einen eigenständigen Landesverband aus der Taufe gehoben und verlangen nun, als autonomer Vertragspartner des Landes anerkannt zu werden. Der alte Staatsvertrag ist inzwischen aufgehoben und soll neu verhandelt werden. Doch Wankum kämpft mit harten Bandagen um seine Souveränitätsrechte im Nachbarland. Kürzlich beantragte er sogar, den Titel "Landesverband der jüdischen Gemeinden von Schleswig-Holstein" aus dem Register des Amtsgerichts zu löschen. Als dieses Ansinnen zurückgewiesen wurde, nannte er die Entscheidung "antisemitisch" – eine Äußerung, die bei den Segebergern helles Entsetzen auslöste. "Was für eine irre Logik", schimpft der Bad Segeberger Gemeindevorsitzende Walter Blender, "einer deutschen Behörde Antisemitismus vorzuwerfen, weil sie die Existenz jüdischer Gemeinden anerkennt!" Die von Wankum gestreute Behauptung, bei den Segebergern handele es sich gar nicht um echte Juden, und man nehme es dort mit der Beachtung jüdischer Religionsgesetze nicht so genau, weist Blender empört zurück. Darüber, dass die religiösen Vorschriften genau eingehalten werden, wacht nicht zuletzt der Landesrabbiner Walther Rothschild. "Wir sind wahrscheinlich frommer als die meisten Orthodoxen", kontert Didiy Podszus, der den örtlichen Synagogenchor leitet, "die nur Vorgegebenes nachbeten. Wir dagegen setzen uns aktiv mit unserer Überlieferung auseinander und bemühen uns, sie mit den Anforderungen der Gegenwart in Einklang zu bringen."