judentum Wer sagt, dass wir keine Juden sind?Seite 2/2

Der norddeutsche Regionalkonflikt wird von einer umfassenderen Auseinandersetzung innerhalb des deutschen Judentums überwölbt. Die Bad Segeberger und Pinneberger Gemeinden bekennen sich zum liberalen Reformjudentum und haben sich der liberalen Union progressiver Juden angeschlossen. Die hält den Zentralrat für orthodox dominiert und spricht ihm den Alleinvertretungsanspruch jüdischer Interessen ab. Das Judentum kenne keinen Papst und keine Kommandozentrale, die Direktiven ausgibt, zürnt Walter Blender, sondern nur ein Miteinander in der Vielfalt religiöser Auslegungen.

Bloß nicht abschotten

Der Zentralrat gibt sich den Liberalen gegenüber inzwischen flexibler, doch die Hamburger Gemeindeführung gilt als Hochburg besonders hart gesottener Verfechter zentralistischen Einheitsdenkens. Sie fürchten, der Zustrom russischer Juden, die aufgrund eines Abkommens der Bundesregierung nach Deutschland kommen, könne das Judentum in seinem Wesenskern verwässern. Denn als Juden wurden von den russischen Behörden auch Personen geführt und behandelt, die nach den Gesetzen der jüdischen Halacha gar keine sind: Als solcher gilt nur, wer von einer jüdischen Mutter geboren wurde oder vor einem ordentlichen Rabbinergericht übergetreten ist. Gleichgültigkeit vieler Einwanderer gegenüber jüdischen Traditionen drohe den Zusammenhalt der Gemeinden zu sprengen.

Doch es sind gerade die Bad Segeberger Juden, die vormachen, wie man Integrationsprobleme mit persönlichem Engagement in den Griff bekommen kann. Da ist zum Beispiel die aus Israel stammende Shoshana Lasowski. Als „Mutter der Gemeinde“ berät sie Neuankömmlinge in allen praktischen Alltagsproblemen, unterrichtet Hebräisch und erklärt in Einführungskursen die Grundlagen der religiösen und kulturellen Tradition des Judentums. Andere, wie der Lehrer Manfred Neumann, geben kostenlos deutschen Sprachunterricht.

Kopf und Motor des neuen Aufschwungs jüdischen Lebens im Norden aber ist Walter Blender. Der 42-Jährige strotzt vor Energie und Tatendrang. Er ist ein in jeder Hinsicht auffälliger jüdischer Gemeindevorsteher. Nicht nur, dass er so blond und bodenständig ist, wie es das Klischee für einen waschechten Holsteiner vorsieht, auch sein Beruf ist für einen deutschen Juden höchst ungewöhnlich: Blender ist Hauptkommissar bei der Kriminalpolizei. Ein Jude bei der deutschen Kripo? Fühlt sich das angesichts der deutschen Geschichte nicht seltsam an?

Überhaupt nicht, versichert Blender. Nie habe er während seiner Karriere in der deutschen Polizei, die er als durch und durch demokratisch preist, antisemitische Aversionen gespürt. Wenn gelegentlich „irgendwelche Sprüche“ kämen, dann zeugten sie eher von Unwissenheit über Geschichte und Wesen des Judentums. In einer solchen Situation müsse man schlagfertig und offen darüber aufklären, was Jüdischsein tatsächlich bedeute, und diese Erklärungen würden von den Kollegen in aller Regel auch interessiert aufgenommen. Zugegeben, sagt er, besonders vorbildlich, fleißig, ehrlich müsse ein Jude in der Polizei schon auftreten, um bei den Kollegen vollen Respekt zu genießen. Dass es Antisemitismus gibt, leugnet er keineswegs; in Frankreich zum Beispiel, wo Islamisten offen gegen jüdische Bürger Front machen, wolle er zurzeit nicht unbedingt leben. Aber er hält auch nichts von jener Wagenburgmentalität, in die sich manche jüdischen Funktionäre gern vergrüben. Das moderne Judentum einer demokratischen Gesellschaft solle offen und herzlich auf die nichtjüdischen Mitbürger zugehen, statt von ihnen immer Schlimmes zu erwarten. Im Schüren von Berührungsängsten mit der nichtjüdischen Umwelt ahnen Blender und seine Mitstreiter eine interessengeleitete Absicht. Je mehr man sich misstrauisch abschotte, desto undurchdringlicher blieben die Machstrukturen auch im Inneren der jüdischen Gemeinschaft.

„Wir werden die Vergangenheit nie vergessen, aber wir wollen in die Zukunft schauen“, sagt Ljudmilla Budnikov. „Und wir wollen uns in dem, was wir selber tun können, von niemandem mehr einschränken oder bevormunden lassen.“ Es könnte das Credo eines neuen deutsches Judentums sein.

 
Service