DIE ZEIT: Erinnerungen an die NS-Zeit, ob literarisch oder als Sachbuch, finden gegenwärtig ein großes Publikum. Neu ist, dass sich die Autoren die eigene Familiengeschichte zum Thema machen. Wie erklären Sie sich den Erfolg?

Harald Welzer: Diese Bücher kommen der gefühlten Geschichte entgegen. Sie zeigen an, dass eigenes Leid heute erinnerungswürdig ist. Das wird durch unsere sozialpsychologischen Untersuchungen zum Familiengedächtnis gestützt: In den privaten Erinnerungen entsteht ein anderes Bild von Vergangenheit als im offiziellen kulturellen Gedächtnis der Bundesrepublik. Im privaten Gedächtnis dominieren die Bombenkriegserfahrung, der Hunger, die Erfahrungen der Kriegsteilnehmer, die Geschichte als Opfer und das Ringen um persönliche Integrität. Diese Erinnerungen haben einen vitalen und konkreten Charakter, sie sprechen die Gefühle an. Auch Sachbücher wie Jörg Friedrichs Bombenkriegsepos Der Brand oder der Bericht über die Massenvergewaltigungen durch die Anonyma berühren das Publikum, weil sie die Gefühlsebene ansprechen und weil das Leiden der deutschen Bevölkerung im Zentrum steht.

ZEIT: Worin liegt der Unterschied zur öffentlichen Erinnerungskultur?

Welzer: In deren Zentrum steht Auschwitz. Die Würdigung der Opfer, die Frage nach angemessenen Formen des Gedenkens. Sie sollen auf unser Wissen einwirken, sollen uns kognitiv klüger machen. Aber das kulturelle Gedächtnis knüpft eben für die allermeisten kaum an Erlebtes an. Sebalds Roman Austerlitz gehört zu den wenigen, die aus der Perspektive eines Überlebenden vom kaum darstellbaren Verschwinden der Opfer sprechen. Darin kann sich nur fast kein gegenwärtiger Leser wiederfinden. Die anderen Erinnerungen an die verstrickten Großeltern sind emotional anschlussfähiger.

ZEIT: Sie nennen das private Erinnern, in Anklang an Ulla Hahns Roman Unscharfe Bilder, schön unscharf. Was heißt das?

Welzer: Die Geschichten der Familienerinnerung, wie wir sie in unseren Forschungen zusammengetragen haben, sind unscharf, insofern sie die handelnden Personen, die Orte des Geschehens, die exakte Zeit aussparen. Ihnen sind die Gefühle des Handelnden wichtig. Wenn wir die Generationen einer Familie zum Gespräch zusammensetzen, scheint niemand am Tisch das Bedürfnis zu haben nachzufragen: Wo war das genau, wann? Und wer war’s? Die Hauptperson soll als moralisch handelnde und fühlende Person erscheinen, damit der Enkel sich fragen kann: Hätte ich auch so gehandelt? Diese Form des Gedächtnisses stärkt nicht nur die Familie als Erinnerungsgemeinschaft, sondern sie stillt auch die Sinnbedürfnisse der Nachkommen.

ZEIT: Was sind das für Sinnbedürfnisse?