A ,Winterreise' of our time", so jubilierte die London Times, nachdem Matthias Goerne und Alfred Brendel im Oktober 2003 an zwei Abenden mit Schuberts Liederzyklus in der Wigmore Hall zu Gast gewesen waren. Ein großes, ja ein hymnisches Wort. Denn was wäre an diesen "24 schauerlichen Gesängen" von 1827 jemals und im wahrsten Wortsinn zeitgenössisch, was hätten ausgerechnet sie uns über das 21. Jahrhundert zu berichten? Dass die Liebe das Wandern liebt, Posthörner lustig schmettern, Krähen gar "wunderlich" sind und treu und am Ende doch nur der Leiermann bleibt, "drüben hinterm Dorfe", als eisiger Gefährte, als "Bruder in der Kunst", wie Peter Gülke es einmal formuliert hat? Und was wäre je nicht zeitgenössisch an letzten Dingen wie diesen, wer fühlte sich nicht regelrecht ertappt durch Schuberts strophenselige Schmerzenssprache, seinen gramgebeugten Volksliedton - sobald Wilhelm Müller (der lange unterschätzte Poet) von Liebesverlust und Liebesverrat spricht, von Weltflucht, vom Verzagen und Versagen allen Fühlenkönnens?

Etliche Jahre haben Goerne und Brendel miteinander winterreisend konzertiert, bevor sie sich zu der vorliegenden Aufnahme entschlossen (dem Mitschnitt aus der Wigmore Hall). 1996, als Matthias Goerne an der Seite von Graham Johnson und im Rahmen der Hyperion Schubert Edition seine erste Winterreise einsang (Hyperion CDJ 33030), hatte man dem damals 30-jährigen Wunderbariton vorgeworfen, er sei zu jung und sängerisch viel zu unerfahren. Jetzt, acht Jahre später, keimt der Verdacht, Goerne könnte fast zu versiert sein in Sachen Winterreise, zu abgeklärt und geübt. Gewiss, die Stimme ist dem Alter entsprechend schwerer geworden, schwärzer auch im Timbre, hat sich ihren Ort gesucht im Körper des Sängers. Aber ist das ein Grund, jedem Zorn zu entsagen und an die Stelle der unmittelbaren Welterfahrung immer schon die vermittelte, die entfremdete Realität zu setzen? Bei Schubert ist genau das der Prozess, und am Ende steht tatsächlich die Kunst als letzte Retterin und Utopie. Bei Goerne und Brendel ist es nie anders als so - sie lesen den Zyklus vom Ende her, und Brendels romantisch präludierendes, kaum je etwas auf Rhetorik, auf lyrische Rede gebendes Klavierspiel stützt diese These gleichsam intuitiv. Dem Leiermann begegnen die Interpreten dann eher skeptisch, die Verse "Wunderlicher Alter, soll ich mit dir gehn? / Willst zu meinen Liedern deine Leier drehn?", sie äugen mit großem Zweifel, großem Misstrauen in die Zukunft - ganz so, wie es einer ",Winterreise' of our time" offenbar gebührt.