gesundheit Mensch ohne Norm
Das Hygienemuseum in Dresden hat in seiner neuen Ausstellung viel alten Ballast abgeworfen
Der Mensch. Allgegenwärtig ist diese rätselhafte Spezies, selbst dann, wenn wir uns allein wähnen. Was also muss ein Museum vom Menschen anderes tun, als einen Spiegel aufstellen?
Jahrzehntelang hielt das Deutsche Hygienemuseum in Dresden seinen Besuchern Spiegel vor. Es waren Märchen- und Zerrspiegel, Illusionen, Ideologien. Sie zeigten den gesunden deutschen Volkskörper, die vermeintliche Reinheit des Ariers, das zähneputzende Pflichtbewusstsein des DDR-Bürgers. Das Spiegelbild erhob den Zeigefinger.
Kaum ein anderes Wissenschaftsmuseum in Deutschland ist so oft ideologisch und politisch instrumentalisiert worden: Die Weimarer Republik beschwor die Volksgesundheit, das „Dritte Reich“ die Rassenhygiene, die DDR überwachte die Dissidenten wie die Dentisten. Dann kam die Wende. Die Spiegel wurden beiseite geräumt. Von der ehemaligen Dauerausstellung des Museums blieben nur ein paar lieblos arrangierte Rudimente.
Es dauert Jahre, bis die ersten Ausstellungsmacher kommen. Sie wollen neue Spiegelbilder installieren, neue Inszenierungen des Menschseins. Der Amerikaner Ralph Appelbaum etwa möchte eine Spirale aus Edelstahl durch die Dresdener Räume winden, eine blinkende Doppelhelix. Am Erbgut des Menschen will er alles andere aufhängen: Monitore, auf denen Homo sapiens multimedial durchleuchtet wird. Nur hier und da fände ein Objekt aus den umfangreichen Dresdener Sammlungen Platz. Im Entwurf des Deutschen Uwe Brückner dagegen wird das Museum selbst zum Körper, den der Besucher betreten kann. Die fantastische Reise soll durch Blutbahnen und Gedärme führen. Viel Bühne, viel Licht – aber nur wenige Einsichten. Die Dresdener lehnen ab.
„Wo bleiben unsere Schätze?“, fragen die Museumswächter schüchtern, 30000 Objekte zur Geschichte der Gesundheitserziehung haben sie gesammelt. Gläserne Männer, Frauen und Kühe. Gläserne Zellen. Darmzotten jeder Größe in Holz und Gips. Wächserne Inhaltsanalysen diverser Babywindeln: Brustmilchstuhl, Kuhmilchstuhl, Buttermilchstuhl, Haferschleimstuhl. Dazu Durchfall in 3D. Als Warnung für die Mütter: Der kann gefährlich sein.
All das ist jetzt endlich wieder zu sehen. Am heutigen Donnerstag öffnet sich der erste Teil der neuen Dauerausstellung den Besuchern, Gesundheitsaufklärung und ihre Geschichte auf 1500 Quadratmetern. 1000 weitere kommen im nächsten Frühjahr dazu. Ausstellungsmacher Bodo Baumunk und Museumsdirektor Klaus Vogel präsentieren eine klassische Vitrinenausstellung. Die Inszenierung tritt zurück, der Besucher – von der eigenen Faszination geleitet – soll selbst entdecken.
In welchen Spiegel wird der Besucher diesmal schauen? „Die Konzeption“, sagt Ausstellungsmacher Bodo Baumunk, „ergab sich im Wortsinn organisch.“ Im ersten Raum wird – gleichsam als antiideologische Warnung – die Geschichte des Hauses sichtbar, der vermessene Traum vom Menschen nach Maß. Die übrigen Räume zeigen Leben und Sterben, Essen und Trinken und Sexualität. Im kommenden Frühjahr öffnen sich die Abteilungen Erinnern, Denken, Lernen sowie Bewegung und Haut und Haar den Besuchern.
Eine Gesamtschau des Menschen auf 2500 Quadratmetern muss zwangsläufig unvollständig bleiben. „Wir zeigen jedes Organ“, sagt Baumunk. Doch bei den Themen müssen die Macher Akzente setzen. Dabei bauen sie auf Aktualität. Am Anfang des Lebens wird die moderne Genetik erklärt, am Ende das Problem der alternden Gesellschaft. Beim Sex nehmen die modernen reproduktionsmedizinischen Techniken viel Platz ein. In der Ernährung werden Mangelerkrankungen von den Krankheiten des Überflusses abgelöst: Statt unter Rachitis leiden Kinder heute unter Altersdiabetes.
- Datum 01.04.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 01.04.2004 Nr.15
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