Kino Bürokraten des Todes
Gus van Sants lebensmüder Highschool-Horrorfilm „Elephant“
Man muss die Katharsisverweigerung im amerikanischen Kino ein lobenswertes Verbrechen nennen. In einer Kultur, die süchtig ist nach der glatten Auflösung theatralisch verschlungener Erzählstränge, wünscht man sich rebellisch deren heillose Verknotung, sobald man das Formelhafte des Verfahrens durchschaut hat. Gus Van Sants Film eine Kabelfernsehproduktion für den Sender HBO, stellt einen interessanten und oft verführerisch schönen Versuch in Katharsisverweigerung dar. Weil er völlig misslingt, sehnt man sich am Ende nach dem Aufgehobensein im Humpta-Humpta des amerikanischen Mainstream-Kinos.
Der Regisseur Gus Van Sant liebt schöne junge Menschen, und er zeigt sie uns in diesem Film. Er steigt ihnen mit der Kamera nach. Er verfolgt sie im Auto, im herbstlichen Park, auf schier endlosen Wanderungen durch die Gänge einer Highschool irgendwo in den Vereinigten Staaten, unterwegs zum Unterricht oder zur Foto-AG. Wir sind bei diesen sanften Wesen, ohne sie jemals kennen lernen zu müssen. Sie drängen sich nicht auf. Überall herrscht eine träumerische Verlangsamung, die sich manchmal in die Zeitlupe ausdehnt.
Das Träumerische hat einen dramaturgischen Zweck. Es erzählt uns, dass alle, die wir hier sehen, bald ausgeträumt haben werden. Denn was dieser Film sich zu erzählen vorgenommen hat, ist die Geschichte eines Highschool-Massakers à la Columbine oder Erfurt. Langsam kommen die Bösewichte ins Spiel, zwei Underdogs, die von ihren Mitschülern gequält werden und sich per Post Waffen ins Haus schicken lassen. Verlorene sind es, umweht von derselben Herbstmelancholie wie alle anderen Figuren dieses Films. Wenn wir ihren schönen Opfern über die Schulter schauen, sind sie schon auf ihrem letzten Gang und bewegen sich wie Marionetten auf den Augenblick zu, da der erste Schuss fällt. Zu den Klängen der immer wieder neu ansetzenden Mondscheinsonate kreuzen sich ihre Wege, und manchen dieser Gänge erleben wir ein paar Mal, aus verschiedenen Perspektiven. Ein Tanz ist das, eine Choreografie, eine schöne Konstruktion, die man etwas zu schnell durchschaut, um ganz von ihr gebannt zu werden.
Als aber das Massaker losbricht, erleidet der Film einen überraschenden Zusammenbruch. In alle möglichen Richtungen hätte er sich nun fortentwickeln können. Die trügerische Ruhe des Anfangs hätte abgelöst werden können von nie zuvor auf einer Filmleinwand gesehener Panik, von Horror und Wahnsinn. Aber Elephant bleibt stur auf seinem Kurs. Die Amokläufer sind Bürokraten des Todes. Sie absolvieren ihr Massaker genauso ruhig und beiläufig, wie sie und ihre Opfer vorher durch die Schulflure glitten. Der Massenmord scheint genauso alltäglich zu sein wie der Tratsch in der Schulkantine davor. Gelassen erschießen die beiden bösen Buben ihre Mitschüler und Lehrer. Gelassen lassen diese sich erschießen. Die Menschen, die wir lieb gewonnen und um die wir uns geängstigt hatten, erweisen sich noch im Tod als Helden einer neuen Sachlichkeit, als Roboter.
Was erzählt uns das? Vor allem erzählt es uns gar nichts. Gus Van Sant freut sich der Unkonventionalität, zu der er sich entschlossen hat, und erwürgt sein Werk. Die größte Zumutung in diesem Film ohne Psychologie und Begründungen stellt Van Sants plötzlicher Einfall dar, die Handlungen der Mörder nun doch zu begründen und sich dabei der plattesten Klischees zu bedienen: Keiner mag diese Jungs, also spielen sie Videoballerspiele und gucken Nazivideos, dann greifen sie zur Knarre.
Elephant bestätigt einige Grundregeln des Erzählkinos, die bei klugen Menschen aus guten Gründen unbeliebt sind: Mit den Herzen der Zuschauer spielt man nicht. Man versäumt nicht ungestraft, eine moralische Haltung zu seinen Figuren und ihren Handlungen einzunehmen. Das Leben wird nicht wahrhaftiger abgebildet, wenn man es ungestaltet und undramatisch abbildet. Was man dabei erhält, ist nicht die bessere Kunst im Dienste eines wirklicheren Lebens, sondern eine undramatische Abbildung.
Man liebt solche Handwerkerregeln als kluger Mensch nicht. Man glaubt schließlich, dass die Gefühlsverkäufer der Kulturindustrie ihr Geld meist damit verdienen, auf unserem Einfühlungsvermögen Klavier zu spielen und uns die Taschentüchlein in die feuchten Händchen zu zaubern. Und dass man sich dagegen wehren muss. Kontrollverlust kann schließlich nicht gut sein! So zieht man sich wie Gus van Sant zurück ins Trotzkämmerlein der „Avantgarde“. Genauso wie ein letztes verlorenes Schülerpärchen sich in Elephant in der Kühlkammer der Schulkantine vor dem blutigen Massaker versteckt. Und was passiert? Der böse Mörder spürt sie auf und schießt sie mausetot. Es ist zum Gähnen. Und die Moral? Kauft Katharsis! Es geht auch im 21.Jahrhundert nicht ohne sie.
- Datum 04.02.2009 - 15:10 Uhr
- Quelle (c) DIE ZEIT 01.04.2004 Nr.15
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