Er war der wichtigste Informant für einen der schwersten Vorwürfe, den die amerikanische Regierung im Frühjahr 2003 gegen Saddam Hussein vorbrachte. Curveball nannte die CIA den Mann aus dem Irak. Ein vielsagender Deckname. Er stammt aus dem Baseball und bezeichnet Würfe, die dem Ball einen Spin verpassen und so die Flugbahn krümmen. Eine kunstvoll-trickreiche und meist durchschlagende Technik. Doch mittlerweile haben sich Curveballs scharfe Anwürfe gegen Saddam Hussein als Schlappen entpuppt. Die CIA ist gar nicht mehr stolz auf ihn – und schiebt die Verantwortung für einen der schlimmsten Geheimdienstfehler vor dem Irak-Krieg dem deutschen Bundesnachrichtendienst zu.

Curveball war so etwas wie der ungenannte Kronzeuge Colin Powells, als der am 5. Februar 2003 im Weltsicherheitsrat die angeblichen Beweise für das irakische Nuklear-, Bio- und Chemiewaffenprogramm präsentierte. Aus "solider Quelle", so Powell damals, wisse man, dass der Irak eine Flotte von fahrbaren Biowaffenlaboren durchs Land kreuzen lasse. Vier Überläufer hätten darüber berichtet. Einer von ihnen, ein ehemaliger irakischer Chemie-Ingenieur, habe die Trucks sogar mit eigenen Augen gesehen. Gemeint war Curveball. Die vermeintlichen rollenden Milzbrandschmieden, die er beschrieb, galten lange als die wahrscheinlichste Methode der irakischen Massenvernichtungswaffengewinnung. Hartnäckig hielt sich – lange nachdem sich die Hinweise auf ein Atom- und Chemiewaffenprogramm verflüchtigt hatten – die These, Saddam Hussein habe in den Lastern Anthrax "on demand" produzieren können, also kurzfristig und ohne große Lagerbestände.

Einen Krieg, neun Monate Waffensuche und einen Untersuchungsbericht später bezeichnet David Kay, bis Januar Chef der ABC-Suchtrupps im Irak, den Superinformanten Curveball als "ausgemachten Lügner". Denn mittlerweile hat sich herausgestellt: Curveball ist der Bruder eines engen Vertrauten von Achmed Dschalabi – jenem Exiliraker und Saddam-Gegner, der seit Ende der 90er Jahre im Westen mit dem Angebot hausieren ging, seine Agenten könnten jeden erdenklichen Beweis gegen das Saddam-Regime liefern.

Jetzt zeigen CIA-Mitarbeiter mit dem Finger auf Deutschland. Denn Curveball war eine Quelle des Bundesnachrichtendienstes (BND). Und dieser, behauptet ein nicht genannter US-Geheimdienstler in der Los Angeles Times, hätte die Amerikaner erst nach Powells Rede über seine Zweifel an der Glaubwürdigkeit des Irakers ins Bild gesetzt. Auch Richard Kerr, ehemaliger CIA-Vizedirektor und zuständig für die interne Überprüfung der Geheimdienstberichte über den Irak, sieht das Fehlverhalten nicht auf amerikanischer Seite. Die Informationen von Curveball seien "detailliert und spezifisch" gewesen. Außerdem hätten CIA-Mitarbeiter den BND mehrfach gebeten, Curveball selbst vernehmen zu dürfen. Der BND habe dies aber aus Quellenschutzgründen abgelehnt.

War es also gar nicht Colin Powell, der der Weltöffentlichkeit die ganze Wahrheit über die Biowaffenvorwürfe vorenthielt, sondern der Bundesnachrichtendienst?

Wohl kaum. Zum einen taugt der Hinweis, der BND habe dem CIA keine Zugang zu Curveball gewährt, nicht als Vorwurf. Denn auch befreundete Geheimdienste tauschen niemals Quellen untereinander aus, sondern immer nur Berichte. Zum anderen sagten deutsche Nachrichtendienstler schon im August vergangenen Jahres, dass sie den amerikanischen Partnerdienst vor Curveball gewarnt hätten ( ZEIT Nr. 35/03). Hinsichtlich der Glaubwürdigkeit des Exilirakers habe es "verschiedene Probleme" gegeben. Ranghohe Sicherheitskreise bekräftigen jetzt gegenüber der ZEIT, sie hätten der CIA schon lange vor dem 5. Februar 2003 die Berichte von Curveball übermittelt, und zwar inklusive einer "deutlichen Glaubwürdigkeitseinschätzung". Schließlich sei der Chemiker schon 1998 aus dem Irak nach Deutschland geflohen. Ab dem Jahr 2000 habe er von Saddam Husseins Kampfstoff-Lastern berichtet. Die hiesigen Nachrichtendienstler hätten, als sie Curveballs Informationen schließlich an die Amerikaner weitergaben, ausdrücklich darauf hingeweisen, es seien Zweifel angebracht, ob die Berichte noch korrekt seien.

Die Gründe für diese Skepsis kannte auch die CIA. Schon 1998 hatten die Inspekteure der Unscom Hinweise von Überläufern auf getarnte Biowaffenlabore im Irak überprüft. Keiner von ihnen konnte bestätigt werden. Ab November 2002 spürte Hans Blix’ Unmovic-Team noch einmal mit Hochdruck den Hinweisen von Curveball nach. Mit dem bekannten Ergebnis: An den von ihm angegebenen Orten fand sich rein gar nichts.

In deutschen Sicherheitskreisen herrscht höfliche Verwunderung über die Vorwürfe aus den USA. "Man fragt sich schon, was das soll", heißt es. "Von unserer Seite hat es vor der Powell-Präsentation jedenfalls kein Getrickse gegeben." Tatsächlich sei es so gewesen, dass die deutschen Sicherheitsbehörden erst im Herbst 2003 erfuhren, dass Curveball zur Dschalabi-Fraktion gehörte. Und zwar von der CIA selbst. Deren großer Wurf, Mr Curveball, scheint es also, ist und bleibt – ein Bumerang.