management Hoppla, Chefs!

Vorstandsvorsitzende gehen, die Gehälter sinken – und Aufsichtsräte nehmen ihre Aufgaben ernst: Deutschlands Manager kommen in Bedrängnis

Über die wahren Gründe für den abrupten Abgang von Infineons Vorstandschef Ulrich Schumacher rätselt mancher Aufsichtsrat noch heute. Was den Zwist im Vorstand eskalieren ließ und Schumachers Vorstandskollegen dazu brachte, just in der vergangenen Woche eine Entscheidung über die Zukunft des umstrittenen Konzernchefs zu fordern, liegt nach wie vor im Dunkeln. Die kurzfristig anberaumte Sondersitzung des Aufsichtsrats am Donnerstag vergangener Woche dauerte sechs Stunden, am Ende blieb Schumacher nur der „freiwillige“ Rücktritt. Der Vorstandsvorsitzende habe um sein Amt gekämpft, berichtet einer, der dabei war. Doch es sei längst klar gewesen, dass eine gedeihliche Zusammenarbeit mit den anderen Vorstandskollegen nicht mehr möglich war und Schumacher auch im Aufsichtsrat jeden Rückhalt verloren hatte.

Mit dem erst Anfang 2004 neu beschlossenen, großzügigen Aktienoptionsprogramm, der Verlagerung von Produktionsstätten ins Ausland und seiner Idee, durch einen Umzug der Zentrale in die Schweiz künftig Steuern zu sparen, hatte Schumacher immer wieder für Ärger gesorgt. Sein Führungsstil, den er selbst offen und ehrlich nannte, galt anderen als provokant und selbstherrlich. Schumacher hatte den Bogen überspannt und flog raus. „Warum jetzt auf einmal?“, fragt sich Daniela Bergdolt von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) – schließlich waren die Streitpunkte bekannt. Gut erinnert sie sich noch daran, wie der nun vorübergehend auch als Konzernchef agierende Aufsichtsratschef Max Dietrich Kley auf der Hauptversammlung im Januar das von Bergdolt kritisierte Aktienoptionsprogramm verteidigt hatte. Der Rausschmiss Schumachers irritiert: „Wenn die Initiative nicht vom Aufsichtsrat, sondern vom Vorstand ausging, dann war das eine Palastrevolution sondergleichen“, sagt Bergdolt.

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Statt von einer Revolution könnte man auch von Evolution sprechen. Deutsche Konzernchefs, die ihre Machtbefugnisse allzu großzügig auslegen oder die Realität zu ignorieren pflegen, stoßen inzwischen auf massiven Widerstand von Gewerkschaften, Aktionärsvertretern oder eben auch den eigenen Vorstandskollegen. Wer wie die Führung des Frankfurter Flughafenbetreibers Fraport die eigenen Bezüge erhöht, während Arbeitnehmer Nullrunden oder Einbußen erleiden, erntet Unmut. Insbesondere die Debatte über hohe Vorstandsgehälter gewinnt an Fahrt. „Es mag zwar nach Recht und Gesetz sein“, so Bundeskanzler Gerhard Schröder in seiner jüngsten Regierungserklärung, „es ist aber nicht nach Moral und Anstand.“ Horst Köhler, der Präsidentschaftskandidat von Union und FDP, attestiert Managern, die sich in Zeiten stagnierender Löhne Millionengehälter genehmigen, fehlendes ethisches Bewusstsein. Selbst Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt sprach sich vor wenigen Tagen gegen „überzogene Managervergütungen“ und für die Offenlegung der individuellen Vorstandsgehälter aus.

Einige Unternehmen haben die Zeichen der Zeit erkannt. Knapp zehn der 30 DAX-Konzerne haben bisher die Bezüge ihrer Vorstands- und Aufsichtsratsmitglieder veröffentlicht. Sie folgen damit einer 2003 verschärften, aber nicht verbindlichen Vorschrift des Deutschen Corporate Governance Kodex, der die Grundsätze guter und transparenter Unternehmensführung festschreibt. Andere sträuben sich noch gegen die Offenlegung, doch „der Trend ist unaufhaltsam“, so die Einschätzung von Michael Kramarsch, Vergütungsexperte der Managementberatung Towers Perrin. Angeschlossen haben sich diesem Trend zuletzt die Deutsche Post und am Montag auch die Deutsche Telekom. Post-Chef Klaus Zumwinkel erhielt im vergangenen Jahr 1,725 Millionen Euro, Telekom-Chef Kai-Uwe Ricke 2,625 Millionen Euro.

Das größte Problem der Kontrolleure ist ihre fehlende Fachkompetenz

Doch damit nicht genug der Neuerungen. Bemerkenswert auch die Entscheidung des Telekom-Vorstandes, sich von allen Aktienoptionsplänen zu verabschieden und, mehr noch, 2004 auf ein Bruttomonatsgehalt zu verzichten. Das Geld soll laut Vorstandschef Ricke als „Solidarbeitrag“ in einen Fonds fließen, der die aus dem neuen Tarifvertrag resultierenden Einschränkungen bei Arbeitszeit und Gehalt der Mitarbeiter abfedert. Die Kontrolleure im Aufsichtsrat werden ebenfalls einen Teil der Einkünfte abführen. Neue, bisher ungehörte Töne der Bescheidenheit und Rücksichtnahme sind das.

Auch bei anderen Firmen fallen die Bezüge. Der angeschlagene Textilkonzern Steilmann machte vor einigen Wochen mit Gehaltskürzungen für die Geschäftsführung von sich reden. Beim Reiseveranstalter Thomas Cook wollen 50 Führungskräfte drei Jahre lang auf zehn Prozent ihrer Bezüge verzichten. KarstadtQuelle, Volkswagen und Commerzbank kürzten die variablen Einkünfte der Konzernführung bis zu 40 Prozent. Das ist nur konsequent: KarstadtQuelle spart beim Weihnachtsgeld der Mitarbeiter, VW erleidet Gewinneinbußen und die Commerzbank sogar Milliardenverluste. Dass die Gelder nicht nur in guten Zeiten höher, sondern in schlechten Zeiten auch niedriger ausfallen, sieht Klaus Schneider, Vorsitzender der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre (SdK), positiv: „Dass es für Vorstandsgehälter jetzt auch zwei Richtungen gibt, ist zu begrüßen. Die öffentliche Diskussion scheint heilsam zu wirken.“

Selbst Aufsichtsräte können sich der Debatte nicht entziehen. Im Februar lehnte der Bundesgerichtshof Aktienoptionen für Aufsichtsräte ab. Laut den Aktionärsschützern der DSW, die gegen entsprechende Pläne von MobilCom geklagt hatten, sah das Gericht einen Widerspruch zwischen dem Kontrollgedanken und der Abhängigkeit des persönlichen Einkommens vom Aktienkurs. DaimlerChrysler stoppte vergangene Woche in diese Richtung gehende Pläne – zu groß sei die Rechtsunsicherheit, hieß es. Die SdK lehnt variable Gehaltsanteile für Aufsichtsräte ab, Vergütungsexperten wie Kramarsch aber befürworten am langfristigen Firmenerfolg orientierte Vergütungselemente. Der Aktionär werde im Konzern durch den Aufsichtsrat vertreten, und „der sollte das Leid und die Freud des Aktionärs teilen“.

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