Der einzige Weg
Die Amerikaner im Irak stehen vor einer großen Herausforderung: sie müssen verhindern, dass der Aufruhr einer schiitischen Gruppe zum landesweiten Aufstand wird
Seit Tagen liefern sich irakische Schiiten mit US-Soldaten gewaltsame Auseinandersetzungen. Sie kämpfen in Nadschaf, in Bagdad, in Basra und in Amara. Viele Menschen starben. Ist das nun der Schiitenaufstand, den viele befürchtet haben? Der Beginn einer landesweiten Rebellion?
Nein, noch ist es das nicht. Noch ist es ein Aufruhr der Anhänger von Mokhtada al-Sadr. Mokhtada ist ein Außenseiter innerhalb der schiitischen Gemeinde. Aber genau das macht ihn gefährlich. Er mobilisiert die Straße, weil er im religiösen Establishment relativ bedeutungslos ist. Über Gewalt versucht er, die Führerschaft unter den Schiiten zu erlangen. Gewalt ist nicht unpopulär, denn alle Schiiten sehen die USA als Besatzungsmacht. Sie wollen, dass die US-Soldaten den Irak verlassen – besser heute als morgen.
Bisher war Ayatollah al-Sistani die anerkannte Führungsfigur der Schiiten. Er gilt als gemäßigter Mann, und das ist er wohl auch. Er hat dazu aufgerufen, die Gewalt zu beenden. Allerdings tat er dies mit recht zweideutigen Sätzen. Das zeigt, dass er bereits in die Ecke gedrängt ist. Wenn er nämlich hart gegen Mokhtada vorgeht, werden viele Schiiten denken, dass er sich auf die Seite der Amerikaner geschlagen hat. Die Folge wäre ein dramatischer Autoritätsverlust al-Sistanis und ein Autoritätsgewinn für Mokhtada.
US-Verwalter Paul Bremer bezeichnet Mokhtada als „Gesetzlosen“. Ein Haftbefehl liegt vor. Es scheint so zu sein, dass Bremer diesen Befehl auch exekutieren lassen will. Das wäre fatal. Mokhtada sucht die Konfrontation. Eine Verhaftung, oder auch nur der Versuch der Verhaftung würde ihn nur noch populärer machen.
Zu tun bleibt nicht viel. Die USA müssen auf al-Sistani einwirken, damit er Mokhtada an die Kandare nimmt. Dabei müssen sie möglichst unauffällig vorgehen. Alles andere würde al-Sistani beschädigen. Viel diskrete Arbeit hinter den Kulissen müssten die Amerikaner leisten – der Erfolg ist nicht garantiert. Aber es ist der einzige Weg, um einen wirklichen Aufstand zu verhindern.
- Datum 01.04.2004 - 14:00 Uhr
- Serie cvd
- Quelle (c) ZEIT.de, 6.4.04
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:



