Irak Mars ohne Maß

Vor einem Jahr ist Bagdad gefallen. Doch ein Frieden im Irak liegt in weiter Ferne. George W. Bushs Strategie der Neuordnung im Nahen Osten ist gescheitert

Schwarz fließt der Potomac zwischen Washingtons Kongress, Außenministerium und Weißem Haus am nördlichen Ufer und dem Pentagon auf der anderen Seite des Flusses. Irgendwo in der Mitte des Stroms droht das amerikanische Versprechen einer demokratisch kontrollierten Militärmacht mit weltweiten, höchst komplexen Bündnisverpflichtungen unterzugehen. die Ideale einer republikanischen Verfassung in aller Welt friedlich zu fördern, ist unter der Präsidentschaft von George W. Bush in Verruf geraten.

Jenes Versprechen gründete auf dem historisch gewachsenen amerikanischen Selbstverständnis wirtschaftlicher, militärischer und ideeller Überlegenheit. Seine freiheitlichen und moralischen Komponenten enthielten größere geistige Überzeugungskraft als – zum Beispiel – die totalitären Ideologien Europas und Asiens. Doch an die Stelle von politischer Führung ist die machtgeschützte Doktrin einer amerikanischen Weltbeherrschung getreten, die sich in der Absicht ausdrückt, den unbestrittenen amerikanischen Rüstungsvorsprung nie mehr aufzugeben – und im Notfall mit einem Präventivkrieg zu verteidigen. Es ist die Kehrseite des nicht minder historischen amerikanischen Isolationismus.

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A decent respect to the opinions of Mankind“, Respekt vor den Ansichten der Menschheit, führt Amerikas Unabhängigkeitserklärung gleich im ersten Satz an. Politische Macht, das wusste ihr Autor Thomas Jefferson, ist die Frucht von politischem – und das heißt auch moralischem – Ansehen, erst dann von militärischer Potenz. Internationale Umfragen amerikanischer Forschungsinstitute beweisen jedoch: Selten zuvor war jener Respekt so gefährdet wie heute. In den islamischen Staaten ist Antiamerikanismus, jenes Schattengewächs des Antimodernismus, unter den Meinungsführern, von den Journalisten bis zu den Predigern de rigueur. Wie konnte es dazu kommen?

Ein Jahr nach dem Einmarsch der Amerikaner in Bagdad am 9. April 2003 sind die politischen Folgen des militärischen Faustschlags zu besichtigen. Zuerst das Positive: Gefangen ist der mörderische Despot Saddam Hussein. Libyens Muammar al-Ghaddafi hat angesichts der Machtdemonstration seine Atombombenforschung beendet. Freilich hatte er schon Jahre zuvor seine Abrüstungsbereitschaft gegenüber Washington signalisiert.

Der politische und kulturelle Kollateralschaden der amerikanisch-britischen Kraftmeierei im Irak war abzusehen. In den Vereinigten Staaten verblasst der Stolz über die glanzvolle militärische Operation. Die haltlosen Kriegsbegründungen der Administration sind Gegenstand peinlicher Untersuchungsausschüsse im Kongress und investigativer Reportagen der amerikanischen Medien. Ehemalige enge Bush-Mitarbeiter, vom Ex-Finanzminister Paul O’Neill bis zum Terror-Experten Richard Clarke schildern eine kriegsentschlossene Regierung, die sehr wohl wusste, wie hanebüchen ihre Behauptung war, hinter den Verbrechen des 11. September 2001 habe neben al-Qaida auch Saddam Husseins Regime gesteckt. Wie im Fall seines Vaters droht George W. Bushs Wiederwahl trotz eines gewonnenen Krieges zu scheitern. Und wirklich gewonnen ist auch dieser nicht.

Die Sieger haben Husseins Armee in einem Verwaltungsakt aufgelöst und über 400000 Soldaten nach Hause geschickt. Viele nahmen ihre Waffen mit oder verkauften sie auf den Märkten von Bagdad und Basra. Verheerende symbolische Wirkung hatten die Wochen der Plünderungen und Brandstiftungen nach dem Ende der Kampfhandlungen. Nicht nur die Wasser- und Stromversorgung, sondern vor allem die moralische Textur einer jahrzehntelang gedemütigten Gesellschaft zerriss vollends – unter anderem, weil sich US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld geweigert hatte, 20000 einsatzbereite Militärpolizisten zu entsenden. Er wollte einen chirurgischen Krieg der Zukunft führen. Das gelang. Für den Frieden hatte er keine Vorbereitung getroffen. Seine Pläne trafen auf erheblichen Widerstand seiner Offiziere. Rumsfeld verkörperte die neue Arroganz der Macht im eigenen Haus.

Vor den Augen der Amerikaner demontierten die Iraker ihr Land

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