Die Nachricht, dass der Verband Ungarischer Schriftsteller nicht bereit war, sich von antisemitischen Äußerungen eines seiner Vorstandsmitglieder zu distanzieren, und deshalb zunächst 80 und bis zum heutigen Tag 160 Schriftsteller, darunter Péter Nádas, Magda Szabó, Péter Esterházy und György Konrád, um nur einige bekannte Namen zu nennen, aus dem Verband ausgetreten sind, hat in der Weltpresse eine gewisse Aufmerksamkeit, ja Erstaunen erregt. Offensichtlich hängt das ungewohnte Interesse mit dem bevorstehenden Beitritt des Landes zur Europäischen Union zusammen.

Wer im öffentlichen Leben Ungarns jedoch heimischer ist und die skandalösen Freizügigkeiten der öffentlichen Sprache, die völlige Unkenntnis mancher Medien hinsichtlich politischer Korrektheit und die Unzulänglichkeit der einschlägigen Gesetze kennt, könnte meinen, der letzte Skandal unterscheide sich nur insofern von den gewohnten, als er Folgen hatte: Allein dadurch erhält er Gewicht und Relevanz.

Der Schriftstellerverband, der sich unter der Diktatur des Parteistaates gelegentlich institutionell für die Autoren- und die allgemeinen Freiheitsrechte einsetzte, ist mittlerweile zu einem verknöcherten Rudiment der Kádár-Ära verkommen. In seinem gewählten Führungsgremium und in seinem Vorstand haben Intellektuelle die Mehrheit erlangt, die an einer Verlängerung der alten Nomenklatur beziehungsweise der Schaffung einer neuen Nomenklatur interessiert sind.

Viele Intellektuelle erlebten die Wende als Zusammenbruch

Jüngsten Angaben zufolge hat der Verband 1200 Mitglieder; wenn wir gelten lassen, dass davon etwa 200 oder meinetwegen 300 wirklich publizierende Autoren sind, dann wissen wir immer noch nicht, was die anderen 900 oder 1000 machen. Seinen Besitzstand, die mit der Diktatur des Parteistaates ausgehandelten Privilegien, kann der Schriftstellerverband jedoch nur wahren beziehungsweise hinüberretten, wenn er den Anschein erweckt, einziger Repräsentant der Gesamtheit der ungarischen Literatur zu sein. Dadurch haben jene, denen es um Konservierung der alten Struktur geht, die Mehrheit erlangt. Dies beklagen auch die aus dem Verband jetzt ausgetretenen Schriftsteller in ihrem Brief: "Wir sind überzeugt davon, dass das Gros der Mitglieder des Schriftstellerverbandes die ausgrenzenden [gemeint ist: antisemitischen, Anm. I.K.] Ansichten nicht teilt, aber der Verband kann diese Position in seiner heutigen Struktur nicht durchsetzen."

Das oben geschilderte Bild ist nur ein Spiegel der allgemeinen Gespaltenheit der ungarischen Gesellschaft, insbesondere ihrer Intellektuellen. Während sich die so genannte "volksnationale" und die als "urban" bekannte liberale Opposition zu Zeiten des Parteistaates nicht nur gegenseitig ertrugen, sondern sogar zusammenwirken konnten, wandten sie sich nach dem Systemwechsel schlagartig gegeneinander, während sich ein Teil der Intellektuellen radikalisierte.

Obwohl dazu auch die politischen Spielchen der Parteien beitrugen, so lagen die wahren Gründe doch vielmehr in der Beklemmung, in der existenziellen Angst derer, die mit der Wende einfach den Faden verloren hatten und die Welt nicht mehr verstanden. Dieser Typ des Intellektuellen erlebte die Wende – wie auch immer er sie sich zu erklären suchte – eigentlich als Zusammenbruch. Ohnehin quälten ihn uralte Psychosen – all das, was sich durch die totalitäre Macht und die mit ihr geschlossenen Kompromisse quasi von selbst in ihm entwickelt hatte. Zu all dem kam nun auch noch die plötzliche Ausdehnung des Raumes, das Gefühl, allein gelassen worden, auf sich gestellt zu sein. Alle haben sich gegen ihn, den übrig gebliebenen Intellektuellen, verschworen, seine Nation, seine Klasse schwindet – er, nur er kennt das erlösende Wort, wird aber von niemandem erhört. Sein Land wird ausverkauft, Fremden zugespielt, die doch sowieso schon die Macht ausüben. Der Begriff "fremd" nimmt in seiner Einbildung ohnehin schon eine besonders wichtige Rolle ein, ist er doch selbst zum Fremden geworden in einer völlig neuen Situation, die – aller Wahrscheinlichkeit nach – die Juden hervorgebracht haben, die seiner Meinung nach auch schon die Schöpfer des Kommunismus waren.

Wir haben es also mit dem alten, klassischen, stupiden, bösen und schließlich in Auschwitz mündenden Antisemitismus zu tun und nicht mit dem neuen, wenn ich so sagen darf, Euroantisemitismus, der den klassischen Antisemitismus übrigens zutiefst verurteilt. Die Antisemiten des Ungarischen Schriftstellerverbandes wissen noch nichts von der europäischen Etikette und verrichten ihr Werk offen, ja ich muss sagen ungestört. Weder Gesetz noch gesellschaftlicher Protest gebieten ihnen Einhalt.

Das Ereignis selbst, das den Skandal auslöste, war voll von grotesken Elementen, sodass es überaus schwierig ist, es mit völlig ernster Miene zu erzählen. Es geschah, dass bei einem unbedeutenden, ausschließlich auf Musik- und Anrufprogramm beschränkten Radiosender, dem so genannten Tilós Rádió (Verbotenen Radio), den alternative Intellektuelle noch zur Zeit der Wende ohne Genehmigung gegründet hatten, während einer weihnachtlichen Telefonmoderation eine weinselige Männerstimme der Welt unerwartet verkündete, er würde am liebsten auch die Christen ausrotten.

Die Stimme gehörte einem der Moderatoren des Programms, der sich während der Sendung gründlich die Kehle geölt hatte. Obwohl der Moderator sofort zum Schweigen gebracht, gefeuert und die ganze Welt um Entschuldigung gebeten wurde, wetterte die ultrarechte Presse schon am nächsten Tag von einem "Holocaust gegen das ungarische Christentum". Einige Tage später zogen radikale rechte Demonstranten vor den Sitz von Tilos Rádió in einer abgelegenen Nebenstraße in Budapest. Wortführer der Demonstration war Kornél Döbrentei, ein Vorstandsmitglied des Schriftstellerverbandes, von bürgerlichem Beruf Dichter, der auch dem gewählten Führungsgremium des Verbandes angehört. Nach der Vision dieses Dichters wird in "religiösem Gewand ein unbarmherziger Krieg zur Vernichtung des Ungarntums geführt", bei dem "eine Minorität ihre mitgebrachte … Kultur, ihre materiellen und politischen Absichten dem ungarischen Volk aufzwingen will".

In ihrem Austrittsbrief an den Schriftstellerverband schreiben 84 Schriftsteller: "Dieses Führungsmitglied des Verbandes hatte zuvor bereits das gesamte ungarische Judentum vor zwei Millionen Menschen [Fernsehzuschauern, Anm. I.K.] des mangelnden Patriotismus bezichtigt, und bei seiner jetzigen Rede vor einer minimalen Hörerschaft vor dem Sitz von Tilos Rádió wurden seine und die Worte seiner Mitredner von Hunderten vernommen, am Schluss der Demonstration hallte minutenlang das Gebrüll ,Dreckige Juden!‘ durch die Straßen." Auf dem Höhepunkt des bewegten Abends wurde die israelische Fahne verbrannt.

Wegen Platzmangels müssen wir es aufgeben, alle Einzelheiten dieser makabren Geschichte zu beschreiben. Dass jedoch im Alkoholrausch hervorgebrachte Visionen regressiven Wahnsinns in Ungarn, wenn auch nur für eine dünne soziale Schicht, gewissermaßen zum Mythos und diese Visionäre selbst als authentische Fürsprecher der Sorge um die Nation angesehen werden konnten – das ist ein Problem, dessen Wurzeln in der unbewältigten Vergangenheit und in den Altlasten der Kádár-Ära verborgen liegen.

In Ungarn wurde die Macht 40 Jahre lang illegal ausgeübt, und die Machthaber brauchten eine populistische Gruppierung, deren Angehörige sie mal reglementieren, mal mit Auszeichnungen dekorieren und allemal gegen die liberalen Reformer ausspielen, durch die sie aber auf alle Fälle den Eindruck erwecken konnte, den Draht zum Volk, zum "Ungarntum", nicht verloren zu haben. Mitunter wollte man sogar den Eindruck vermitteln, alles bloß unter geopolitischem Druck zu tun. Wir dürfen nicht vergessen, dass die Kádár-Ära beileibe nicht nur die sozialistische "Volksdemokratie" war, als die sie sich darstellte, sondern ein kollaborierender kleinbürgerlicher Polizeistaat im Schatten einer Großmacht. Ihrer Substanz nach ähnelte sie eher dem Franco-Regime als einer Räterepublik. Der im ZK für Kultur zuständige einflussreiche György Aczél betrieb seine Spaltungspolitik mit der Raffinesse eines Kardinal Richelieu und der Verbissenheit eines politischen Kommissars. Das Ziel bestand darin, die wahren ungarischen bürgerlichen Werte zu verbieten – wie er es mit den Büchern von István Bibó oder Sándor Márai auch tat – oder zu marginalisieren, siehe das Beispiel des Historikers Jen˝o Szücs, sie unter Umständen durch Ersticken im zuckersüßen Sirup staatlicher Würdigungen zu kompromittieren, wie er es mit Géza Ottlik machen wollte – in diesem Fall völlig erfolglos.

Eine moderne konservative Rechte fehlt in Ungarn bis heute

So legalisierte also die illegitime Macht die politisch aktive Intelligenz, die dann den extremen Flügel des nach der Wende an die Macht kommenden Ungarischen Demokratischen Forums bildete und durch seine nationalistische Demagogie die Entstehung einer modernen konservativen Rechten verhinderte, die auf der politischen Palette Ungarns bedauerlicherweise bis heute fehlt. Dadurch, dass die kommunistische Partei als einzigen und – man könnte sagen – legalen Gegenspieler nur die volksnationale Gruppe gelten ließ, suggerierte sie praktisch den Eindruck, diese Gruppe vertrete "das wahre Ungarn", was jedes Streben nach der Schaffung einer konsensfähigen Sprache lahm legte – wenn es solche Bestrebungen überhaupt gab. Die politischen Machenschaften der Parteien bewirkten dann eine Verhärtung der Fronten, den völligen Mangel an politischer Kultur, den Umstand eben, dass heute niemand miteinander redet.

Dies ist die Erklärung dafür, dass die radikalen Kräfte die Sprache, in der die Nation ihre wahren Sorgen hätte artikulieren können, gestohlen haben. Anstelle eines vernünftigen Gesprächs ist jede Diskussion in eine hirnverbrannte Kakofonie von brandmarkenden Attributen wie "Verräter der Nation", "fremdherzig", "jüdisch-liberal" beziehungsweise "Faschisten", "Kommunisten" und Ähnlichem gemündet. Der oben beschriebene Exzess war also keine Ausnahme, sondern die Regel in einer jahrelangen Serie ähnlicher Exzesse. Die Ausnahme bestand darin, dass einzelne Mitglieder des Schriftstellerverbandes genug von der ihnen zugeteilten Rolle des passiven Betrachters hatten. Als Erster gab der auch in Deutschland publizierende Schriftsteller Lajos Parti Nagy seinen Austritt bekannt, nachdem er vergeblich auf eine Reaktion der Führungsriege des Schriftstellerverbandes auf die inakzeptablen Äußerungen der Demonstrationsredner der Kinizsi-Straße gewartet hatte. Darauf folgte der Austritt von Péter Nádas, woraufhin 25 Schriftsteller einen offenen Brief an den Vorsitzenden des Verbandes richteten und ebenfalls eine Stellungnahme, eine Distanzierung der Führung forderten. Der wahre Skandal aber war die Antwort des Verbandsvorsitzenden Márton Kalász, der – Orwell verhöhnend – mit einem Orwell-Zitat erklärte, die Führung des Schriftstellerverbandes sei "keine Gedankenpolizei", die die freie Meinungsäußerung der Mitglieder beschränken wolle. Und er fügte noch hinzu: "Ich verbitte mir auch im Namen der ungarischen Schriftstellergesellschaft, dass eine Gruppe die ungarische Kultur erpresst", da von 1200 Mitgliedern nur 84 protestiert hätten .

Dichter bleiben Dichter, Propheten gehen zum Zirkus

Der Rest – dass Döbrentei mit dem als Gegenstück zum staatlichen Kossuth-Preis kreierten Alternativen Kossuth-Preis ausgezeichnet und von einer Gruppe der in den USA lebenden Exilungarn zu einer Vorlesungsreise nach Amerika eingeladen wurde und so weiter und so weiter – ist nur noch eine Anekdote. Das Lager der Ultrarechten ist recht groß und laut, und es wird zweifellos noch viel von sich hören lassen. Dennoch ist etwas geschehen, was nicht hoch genug bewertet werden kann: Die Schriftsteller haben sich die ihnen gestohlene Sprache zurückgeholt und ihre Aussagen zur Nation werden künftig einen anderen Gehalt und stärkeres Gewicht haben. Ein Mythos ist in Ungarn zu Ende gegangen. Wenn es stimmt, dass zusammenwächst, was zusammengehört, stimmt es auch, das zerfällt, was nicht zusammengehört. Dichter bleiben auch weiterhin Dichter, und die Propheten treten im Zirkus auf.

Aus dem Ungarischen von Peter Máté

Der Literaturnobelpreisträger Imre Kertész ist aus den hier beschriebenen Gründen bereits 1990 aus dem ungarischen Schriftstellerverband ausgetreten