Das Ereignis selbst, das den Skandal auslöste, war voll von grotesken Elementen, sodass es überaus schwierig ist, es mit völlig ernster Miene zu erzählen. Es geschah, dass bei einem unbedeutenden, ausschließlich auf Musik- und Anrufprogramm beschränkten Radiosender, dem so genannten Tilós Rádió (Verbotenen Radio), den alternative Intellektuelle noch zur Zeit der Wende ohne Genehmigung gegründet hatten, während einer weihnachtlichen Telefonmoderation eine weinselige Männerstimme der Welt unerwartet verkündete, er würde am liebsten auch die Christen ausrotten.

Die Stimme gehörte einem der Moderatoren des Programms, der sich während der Sendung gründlich die Kehle geölt hatte. Obwohl der Moderator sofort zum Schweigen gebracht, gefeuert und die ganze Welt um Entschuldigung gebeten wurde, wetterte die ultrarechte Presse schon am nächsten Tag von einem "Holocaust gegen das ungarische Christentum". Einige Tage später zogen radikale rechte Demonstranten vor den Sitz von Tilos Rádió in einer abgelegenen Nebenstraße in Budapest. Wortführer der Demonstration war Kornél Döbrentei, ein Vorstandsmitglied des Schriftstellerverbandes, von bürgerlichem Beruf Dichter, der auch dem gewählten Führungsgremium des Verbandes angehört. Nach der Vision dieses Dichters wird in "religiösem Gewand ein unbarmherziger Krieg zur Vernichtung des Ungarntums geführt", bei dem "eine Minorität ihre mitgebrachte … Kultur, ihre materiellen und politischen Absichten dem ungarischen Volk aufzwingen will".

In ihrem Austrittsbrief an den Schriftstellerverband schreiben 84 Schriftsteller: "Dieses Führungsmitglied des Verbandes hatte zuvor bereits das gesamte ungarische Judentum vor zwei Millionen Menschen [Fernsehzuschauern, Anm. I.K.] des mangelnden Patriotismus bezichtigt, und bei seiner jetzigen Rede vor einer minimalen Hörerschaft vor dem Sitz von Tilos Rádió wurden seine und die Worte seiner Mitredner von Hunderten vernommen, am Schluss der Demonstration hallte minutenlang das Gebrüll ,Dreckige Juden!‘ durch die Straßen." Auf dem Höhepunkt des bewegten Abends wurde die israelische Fahne verbrannt.

Wegen Platzmangels müssen wir es aufgeben, alle Einzelheiten dieser makabren Geschichte zu beschreiben. Dass jedoch im Alkoholrausch hervorgebrachte Visionen regressiven Wahnsinns in Ungarn, wenn auch nur für eine dünne soziale Schicht, gewissermaßen zum Mythos und diese Visionäre selbst als authentische Fürsprecher der Sorge um die Nation angesehen werden konnten – das ist ein Problem, dessen Wurzeln in der unbewältigten Vergangenheit und in den Altlasten der Kádár-Ära verborgen liegen.

In Ungarn wurde die Macht 40 Jahre lang illegal ausgeübt, und die Machthaber brauchten eine populistische Gruppierung, deren Angehörige sie mal reglementieren, mal mit Auszeichnungen dekorieren und allemal gegen die liberalen Reformer ausspielen, durch die sie aber auf alle Fälle den Eindruck erwecken konnte, den Draht zum Volk, zum "Ungarntum", nicht verloren zu haben. Mitunter wollte man sogar den Eindruck vermitteln, alles bloß unter geopolitischem Druck zu tun. Wir dürfen nicht vergessen, dass die Kádár-Ära beileibe nicht nur die sozialistische "Volksdemokratie" war, als die sie sich darstellte, sondern ein kollaborierender kleinbürgerlicher Polizeistaat im Schatten einer Großmacht. Ihrer Substanz nach ähnelte sie eher dem Franco-Regime als einer Räterepublik. Der im ZK für Kultur zuständige einflussreiche György Aczél betrieb seine Spaltungspolitik mit der Raffinesse eines Kardinal Richelieu und der Verbissenheit eines politischen Kommissars. Das Ziel bestand darin, die wahren ungarischen bürgerlichen Werte zu verbieten – wie er es mit den Büchern von István Bibó oder Sándor Márai auch tat – oder zu marginalisieren, siehe das Beispiel des Historikers Jen˝o Szücs, sie unter Umständen durch Ersticken im zuckersüßen Sirup staatlicher Würdigungen zu kompromittieren, wie er es mit Géza Ottlik machen wollte – in diesem Fall völlig erfolglos.

Eine moderne konservative Rechte fehlt in Ungarn bis heute

So legalisierte also die illegitime Macht die politisch aktive Intelligenz, die dann den extremen Flügel des nach der Wende an die Macht kommenden Ungarischen Demokratischen Forums bildete und durch seine nationalistische Demagogie die Entstehung einer modernen konservativen Rechten verhinderte, die auf der politischen Palette Ungarns bedauerlicherweise bis heute fehlt. Dadurch, dass die kommunistische Partei als einzigen und – man könnte sagen – legalen Gegenspieler nur die volksnationale Gruppe gelten ließ, suggerierte sie praktisch den Eindruck, diese Gruppe vertrete "das wahre Ungarn", was jedes Streben nach der Schaffung einer konsensfähigen Sprache lahm legte – wenn es solche Bestrebungen überhaupt gab. Die politischen Machenschaften der Parteien bewirkten dann eine Verhärtung der Fronten, den völligen Mangel an politischer Kultur, den Umstand eben, dass heute niemand miteinander redet.