Ein Mythos geht zu EndeSeite 3/3
Dies ist die Erklärung dafür, dass die radikalen Kräfte die Sprache, in der die Nation ihre wahren Sorgen hätte artikulieren können, gestohlen haben. Anstelle eines vernünftigen Gesprächs ist jede Diskussion in eine hirnverbrannte Kakofonie von brandmarkenden Attributen wie „Verräter der Nation“, „fremdherzig“, „jüdisch-liberal“ beziehungsweise „Faschisten“, „Kommunisten“ und Ähnlichem gemündet. Der oben beschriebene Exzess war also keine Ausnahme, sondern die Regel in einer jahrelangen Serie ähnlicher Exzesse. Die Ausnahme bestand darin, dass einzelne Mitglieder des Schriftstellerverbandes genug von der ihnen zugeteilten Rolle des passiven Betrachters hatten. Als Erster gab der auch in Deutschland publizierende Schriftsteller Lajos Parti Nagy seinen Austritt bekannt, nachdem er vergeblich auf eine Reaktion der Führungsriege des Schriftstellerverbandes auf die inakzeptablen Äußerungen der Demonstrationsredner der Kinizsi-Straße gewartet hatte. Darauf folgte der Austritt von Péter Nádas, woraufhin 25 Schriftsteller einen offenen Brief an den Vorsitzenden des Verbandes richteten und ebenfalls eine Stellungnahme, eine Distanzierung der Führung forderten. Der wahre Skandal aber war die Antwort des Verbandsvorsitzenden Márton Kalász, der – Orwell verhöhnend – mit einem Orwell-Zitat erklärte, die Führung des Schriftstellerverbandes sei „keine Gedankenpolizei“, die die freie Meinungsäußerung der Mitglieder beschränken wolle. Und er fügte noch hinzu: „Ich verbitte mir auch im Namen der ungarischen Schriftstellergesellschaft, dass eine Gruppe die ungarische Kultur erpresst“, da von 1200 Mitgliedern nur 84 protestiert hätten .
Dichter bleiben Dichter, Propheten gehen zum Zirkus
Der Rest – dass Döbrentei mit dem als Gegenstück zum staatlichen Kossuth-Preis kreierten Alternativen Kossuth-Preis ausgezeichnet und von einer Gruppe der in den USA lebenden Exilungarn zu einer Vorlesungsreise nach Amerika eingeladen wurde und so weiter und so weiter – ist nur noch eine Anekdote. Das Lager der Ultrarechten ist recht groß und laut, und es wird zweifellos noch viel von sich hören lassen. Dennoch ist etwas geschehen, was nicht hoch genug bewertet werden kann: Die Schriftsteller haben sich die ihnen gestohlene Sprache zurückgeholt und ihre Aussagen zur Nation werden künftig einen anderen Gehalt und stärkeres Gewicht haben. Ein Mythos ist in Ungarn zu Ende gegangen. Wenn es stimmt, dass zusammenwächst, was zusammengehört, stimmt es auch, das zerfällt, was nicht zusammengehört. Dichter bleiben auch weiterhin Dichter, und die Propheten treten im Zirkus auf.
Aus dem Ungarischen von Peter Máté
Der Literaturnobelpreisträger Imre Kertész ist aus den hier beschriebenen Gründen bereits 1990 aus dem ungarischen Schriftstellerverband ausgetreten
- Datum 01.04.2004 - 14:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf einer Seite lesen
- Quelle (c) DIE ZEIT 01.04.2004 Nr.15
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:



