Kritik in Kürze

von Markus Clauer

Rosa Luxemburg ist tot, Che Guevara lebt nicht mehr. Und Martin, graues Haar, bürgerliches Aussehen, ist auch die Lust vergangen. Er sieht sich als alter Sack, der dem Tod entgegenhüpft. Der 57-jährige Franzose Olivier Rolin hat einen autobiografischen Roman geschrieben, eine Lebensbeichte, die sich nur um ein paar Jahre dreht. Die Papiertiger von Paris, der Titel spielt auf ein Zitat von Mao an, mit dem er seinem Gefolge Mut machen wollte im Kampf gegen die Imperialisten. Die seien doch nur: Papiertiger. Aber die B52-Bomber fliegen immer noch. Und die europäischen Exmaoisten, wie Rolin einer war, schreiben reuige Bücher: Opa erzählt vom Krieg.

Olivier Rolin hat in den 1970er Jahren in Frankreich vier Jahre lang im Untergrund gelebt. Mit spöttisch-verzerrtem Ernst-Jünger-Pathos und hochfahrendem Ton schreibt er davon. Es ist das Porträt eines Altlinken als junger Mann geworden. Schier ewig umkreist Rolins Alter Ego im Roman in einem abgewetzten Citroën DS die Stadt und spricht von sich im Passé composé und, so als müsste er zu sich selbst Distanz gewinnen, in der dritten Person. Eine redselige Nacht, eine aufwühlende Spritztour und eine narrative Endlosschleife auf der Suche nach einer verlorenen Zeit.

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Im Nachhinein erscheint ihm – und soll uns erscheinen – seine Selbsterfindung als Revolutionär wie eine kindliche Dummheit, über die "heroische Lumpen" geworfen wurden. Verbrämt wird aber immer noch. Du wärst nicht so absurd auf die Polizisten losgegangen, wenn du nicht die Ilias gelesen hättest, sagt sich Martin. Dieser ebenso schlaue wie enervierend mit Kulturgut protzende Roman will aber auch das Gegenteil beweisen: dass Menschenverstand, dass Sinn für Schönheit, Kultur und Geschichte den Alten und seinesgleichen vor Schlimmerem bewahrt haben.

Olivier Rolin: Die Papiertiger von Paris

Roman; aus dem Französischen von Sabine Herting; Blessing Verlag, München 2004; 251 S., 20,– Euro

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