Er war auf dem Weg berühmt zu werden, als Nationalheld und Forscher. "Eine neue Ära der Gesundheitsversorgung" wollte Andres Metspalu mit seinem Estnischen Genomprojekt EGP einläuten. Der Biotechnologe arbeitet in Tartu (Dorpat), der einzigen estnischen Universitätsstadt. Für seine "weltweit größte medizinische Datenbank" hatte das Parlament Ende 2000 eigens ein Gesetz verabschiedet. Eine Million Esten – fast drei Viertel des Volkes – sollten freiwillig Auskunft geben über ihre Krankheiten und Blut spenden zur Genanalyse (ZEIT Nr. 23/03). In der Gründungseuphorie versprach Metspalu neue Diagnostika und Arzneimittel sowie jene Gene aufzuspüren, die Krebs, Schlaganfall, Kreislauf- und Nervenleiden verursachten. So werde Estland "Beiträge zum Wohl aller Europäer leisten".

Wohlan. Estland tritt im Mai mit neun weiteren Ländern der EU bei, das macht neugierig auf neue Impulse. Auf Einladung der Robert Bosch Stiftung konnten sich Journalisten in der vergangenen Woche bei einer Informationsreise zur "Wissenschaft in den EU-Beitrittsländern" Einblicke in die Forschung Tschechiens, Polens und Estlands verschaffen. Im Baltenland führt dabei kein Weg an Tartu vorbei.

Andres Metspalu, ein freundliches Schwergewicht mit Kugelkopf, steckt derzeit im Stress. Denn dem Genomprojekt droht das Aus. Der Hauptsponsor, EGeen International, getragen von zwei US-Investoren, spielt nicht mehr mit, 89 Prozent der Finanzmittel fehlen. Estland hat zwar einen Kredit vorgestreckt, doch Kristjan Haller, Staatssekretär im Ministerium für Bildung und Forschung, wagt keine Zukunftsprognose für die Genbank. Eine Schließung sei möglich, volle Staatsfinanzierung ausgeschlossen. "Zu teuer", sagt er und verweist auf Pharmafirmen als Sponsoren.

Trägt die Genombank Rendite?

Doch die Illusion ist dahin, Volkskrankheiten beruhten auf simplen Gendefekten, die sich mit neuen Arzneien bald therapieren ließen. "Grundlagenforschung und Industrie haben verschiedene Erwartungen", weiß Metspalu inzwischen. Die Investoren wünschten mehr Rendite für ihr Kapital und bedrängten die Estnische Genbank, vorwiegend Daten zu sammeln für einige Volkskrankheiten. Doch eine Ausrichtung rein auf Pharmaforschung (wie etwa in Island) lässt das estnische Gesetz nicht zu: Das Genomprojekt soll dem ganzen Volk dienen und auch der Grundlagenforschung. "In frühestens einer Generation" könnte sich das auszahlen, meint Metspalu.

Unbestritten ist, dass das Wechselspiel von Genen, Krankheiten und Medikamenten langfristig ein spannendes Forschungsfeld bietet. Die Pharmakogenetik kann erklären, warum manch wichtige Medikamente nur einem Teil der Menschen helfen, vielen gar nicht, manche sogar töten. Tausende seltene Erbkrankheiten, für die Pharmaindustrie uninteressant, harren der Entdeckung und wirksamer Therapie.

Derzeit aber läuft das estnische Genomprojekt auf Sparflamme. Ohne Investoren zahlt der Staat keinen Zuschuss. Metspalu hofft auf "die internationale Kooperation der Biobanken". Emsig werden weltweit Bio- und Gendaten zusammengetragen, in Kanada, Japan, Australien, allein in der EU sammeln sieben Staaten Gendaten von Zwillingen. In Estland genügten neun Millionen Euro, um den aktuellen Bestand von 10000 Fällen auf 100000 zu erhöhen bis 2006. Die Datenerhebung sei drei- bis viermal billiger als in anderen Ländern, sagt Metspalu.

Dass die EU dem estnischen Genomprojekt aushilft, ist unwahrscheinlich, sie gilt als zu bürokratisch. Dieser Ruf wurde in allen drei Staaten deutlich. Eindringlich warnte etwa im Physik-Institut der Universität Tartu ein alter Forscher, er habe lange die Sowjetbürokratie erlebt und befürchte nun, die EU-Bürokratie folge. Esten reagieren allergisch auf starre Bürokratie. Viele von ihnen hätten sich "erfolgreich der Umerziehung vom Homo sapiens zum Homo sovjeticus entzogen", meinte Staatssekretär Kristjan Haller. Das wirkt nach.