Terrorismus Was Richard Clarke über den Antiterrorkrieg weiß

Die Erinnerungen eines Washingtoner Beamten, dessen Name nur Insidern ein Begriff ist, stürmen selten die Bestsellerlisten. Noch seltener lösen sie ein politisches Beben aus, dessen Ausmaß noch nicht abzusehen ist. Richard Clarkes Buch hat beides fertig gebracht. dominiert seit Tagen die politische Debatte. Die emotionale Entschuldigung des Antiterrorspezialisten gegenüber Angehörigen von Opfern des 11. September 2001 vergangene Woche hat einen Nerv getroffen, ebenso seine Kritik an den Versäumnissen der Regierung Bush. Das Weiße Haus hat bislang auffällig aggressiv reagiert. Vizepräsident Richard Cheney erklärte im Radio, Clarke sei gewesen, also fern der eigentlichen Entscheidungen.

Die Lektüre zieht Cheneys Behauptung in Zweifel. Es war Richard Clarke, der als „Nationaler Koordinator für Sicherheit, Infrastrukturschutz und Antiterrorismus“ am 11. September die Gegenmaßnahmen der einzelnen amerikanischen Behörden und Ministerien koordinierte. Seine eindringliche Schilderung macht einmal mehr deutlich: Die einzige Supermacht war auf eine solche Attacke schlecht vorbereitet. Für Clarke war es der schwärzeste Tag seiner Karriere. Wie kaum ein anderer hatte er in den vergangenen Jahren vor dem größten Risiko für die Sicherheit der USA gewarnt – al-Qaida. Doch die neue Regierung habe sechs Monate gebraucht, um sich überhaupt mit dem Problem zu befassen.

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Clarkes Darstellung, zwei Drittel Memoiren, ein Drittel Gegenwartsanalyse, hat Gewicht. Seit Roland Reagan hat er allen US-Präsidenten in gehobenen Positionen gedient. Auch George W. Bush behielt ihn im Amt. Ende 2001 wechselte er enttäuscht den Posten, erarbeitete die US-Strategie zur Cyberspace-Sicherheit und schied im März 2003 aus dem Dienst. Seine Kritik an einem verfehlten Umgang mit dem internationalen Terrorismus beginnt schon bei Reagan und George H. W. Bush, die auf Terroranschläge nicht entschlossen genug reagiert hätten. Ein wenig positiver fällt sein Urteil über Bill Clinton aus, der zumindest am Ende seiner Amtszeit die Dimensionen der neuen Bedrohung erkannt habe.

Durch Clarkes bis 1979 zurückgreifende Perspektive heben sich seine Reflexionen von vielem ab, was seit dem 11. September 2001 die Debatte bestimmt. Seine Berichte aus dem Inneren der Macht sind wohl nicht immer „die ganze Story“, aber sie bieten eine Reihe bemerkenswerter Einblicke wie denjenigen, dass die Regierung Clinton Angriffen von iranisch gesteuerten Terrorgruppen unter anderem durch nicht näher beschriebene Geheimdienstoperationen gegen Teheran 1996 einen Riegel vorschob.

Die größte Brisanz steckt in seiner Darlegung, dass die jetzige US-Regierung trotz intensiver Warnungen die Bedrohung durch al-Qaida nicht ernst genommen hat und stattdessen auf den Irak fixiert war. Auch seine Kritik am weiteren Vorgehen überzeugt: Anstatt sich auf die Bekämpfung al-Qaidas zu konzentrieren, den Krieg in Afghanistan entsprechend zu führen und außerdem den Schutz der USA selbst zu verbessern, hat die Invasion im Irak die Sicherheitslage der Vereinigten Staaten deutlich verschlechtert. Al-Qaida hat neuen Auftrieb erhalten, der Antiamerikanismus in der muslimischen Welt neue Höhen erreicht, die Glaubwürdigkeit der USA gelitten. Es ist zu hoffen, dass Clarkes Buch ein neues Denken über den Umgang mit dem islamistischen Terrorismus anstößt, in den Vereinigten Staaten, aber nicht nur dort.

 

Richard A. Clarke:Inside America’s War on Terror The Free Press, New York 2004; XIII + 304 S., 27.– $/18.99 £Against All EnemiesPolitik | Gesellschaft | TerrorSachbuchenglischInside America’s War on TerrorRichard A. ClarkeBuchThe Free Press2004New York11,95352
 
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