Der "Garten der Erinnerung" am Stadtrand von Kigali: 700 Ermordete. Dann die Kirche von Ntarama: 5000 Ermordete. Dann der Friedhof von Nyamata: 20000 Ermordete. Schließlich die nationale Gedenkstätte in Gisozi: 250000 Mordopfer. Es ist Sonntag in Ruanda, und man muss diese Fahrt zu den Massengräbern mit dem fröhlichen Eric beginnen, denn sonst würde man den Glauben in die Menschlichkeit verlieren.

Eric trägt eine zerschlissene Hose und ein Ringelhemd, dazu Flip-Flops in Neonorange. Er ist laut und lebhaft und kobolzt wild durch die Gegend wie alle Buben in seinem Alter.

Eric wohnt in Ntarama, gleich neben der Kirche. Er hat oft gehört, dass hinter den Backsteinmauern etwas Grauenhaftes geschehen ist, aber Genaueres weiß er nicht, und das ist auch besser so. Eric wird demnächst zehn. Er wurde geboren im April 1994, während der Itumba, der Zeit des schweren Regens, als sein Land im Blut versank. Damals wurden in 100 Tagen 800000 Menschen ermordet. Noch nie in der Geschichte haben so viele Menschen in so kurzer Zeit so viele Mitmenschen umgebracht. Es war der Versuch einer ruandischen "Endlösung" im Jahre 50 nach Auschwitz. Die Weltgemeinde sah zu und weigerte sich zu helfen.

Eric ist gewissermaßen ein Kind des Völkermords, und deshalb hat ihn seine Mutter Rucyamubicyika getauft, "der, der Schlimmes überstanden hat".

Dancilla Nyirabazungu, die Mutter, führt uns in die Kirche. Die Innenfläche hat die Ausmaße eines Tennisplatzes. An der Rückwand, unter einem ausgebleichten Plakat von Papst Johannes Paul II., sind Hunderte von zerschmetterten Schädeln aufgereiht. Zwischen dem Gestühl, um den Altar, unter dem Tabernakel liegen Kleiderfetzen, Sandalen, Kämme, Rosenkränze, Blechteller – ärmliche Utensilien des afrikanischen Alltags. Dazwischen Gebeine, Zähne, Fingerglieder, Rippen. An der sechsten Bankreihe bleibt Dancilla stehen. "Hier haben sie meinen Mann getötet." Nicht weit davon lag sie selber, geschützt durch die Körper der Toten und Sterbenden, im Bauch den kleinen Eric. Den Ehemann, zwei Kinder und 15 Verwandte hat diese Frau verloren.

Wer in Ntarama durch Kugeln oder Handgranaten starb, dem war das Schicksal gnädig. Viele Opfer wurden mit Macheten geschlachtet wie Vieh, manche wurden langsam zu Tode geschunden. Ihre Peiniger trennten jeden Tag nur ein Körperteil ab. Lustvolles Morden, im Schichtwechsel, in einem erzchristlichen Land.

Wo war damals eigentlich Gott? "Er war hier", antwortet Dancilla. "Sonst hätte ich nicht überlebt." Zum Dank hat sie Eric einen dritten Namen gegeben: Hakizimana, Gott, der alleinige Retter.

Tonlos, mit sachlicher Kühle erzählt die 50Jährige, und wären da nicht diese Augen, man könnte meinen, ihre eigene Geschichte ließe sie völlig ungerührt. Augen, in die sich der Schrecken geätzt hat, unauslöschlich. Die Mörder leben nebenan, im Dorf oder am nächsten Hügel. Man grüße sich, sagt Dancilla. "Sie haben um Vergebung gebeten. Wir haben vergeben." Es fällt schwer, ihr das zu glauben.