Porträt Der Bonapartist

Nach dem Wahldebakel: Frankreichs Innenminister Nicolas Sarkozy strebt an die Macht

Er arbeitet sieben Tage die Woche täglich achtzehn Stunden. Er hat 26000 Polizisten die Hand geschüttelt und radikale Muslime in ihren Kellermoscheen besucht. Er hat Redeschlachten mit dem rechtsextremen Jean-Marie Le Pen gewonnen, Flüchtlingsheime inspiziert, Terroristen verhaftet und Verbrechensopfer getröstet. Und weil er so häufig in den Abendnachrichten auftaucht, warnte kürzlich ein Oppositionspolitiker neidisch, könne Nicolas Sarkozy das Programm zur Hauptsendezeit bald selber moderieren.

„Wer immobil ist, wird zur Zielscheibe“, sagt der 49 Jahre alte französische Innenminister Sarkozy, „man muss die ganze Zeit in Bewegung sein, dann ist man schwerer zu fassen.“ Mit seiner pechschwarzen, wetterfesten Brikettfrisur und den stets vor Spannung geröteten Wangen strahlt der kleine Mann permanenten Hochdruck aus. Er ist ein Maniac und Maulheld, ein Berserker und liberaler Bonapartist, Feldherr und Volkstribun zugleich, der unermüdlich seine Parteisoldaten anfeuert: „Den Sieg erreichen nur die, die ihn wirklich wollen.“

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Doch an diesem Willen und an der Durchsetzungskraft seines politischen Lagers zweifelt der Innenminister mittlerweile. Noch kurz vor dem jüngsten Wahldebakel der konservativ-liberalen Regierungspartei UMP schwang er sich vergangene Woche zum reisenden Revolutionsführer auf, um die angeschlagenen Kandidaten aufzuputschen: „Das Volk in einer Demokratie hat immer Recht; wenn wir nicht verstanden werden, ist das unsere Schuld.“ Die Politiker müssten eines lernen: „Die Franzosen wollen uns ihre Ungeduld mitteilen, sie wollen einen starken republikanischen Willen.“

Ungeduldig waren die Franzosen schon immer. Sie lieben Revolutionen, aber sie hassen Reformen. Keiner einzigen Regierung gönnten sie in den vergangenen 25 Jahren eine zweite Amtszeit. Jetzt ist ihr Wechselfieber bereits nach zwei Jahren ausgebrochen. Die Niederlage der Regierungspartei bei den Regionalwahlen gilt als Anfang vom Ende der Ära Chirac – nicht weil die 26 Regionalräte irgendeine Mitsprache in Paris hätten, sondern weil sie das derzeit einzig greifbare Überdruckventil für mehr als die Hälfte der Wähler sind, denen einmal wieder die ganze Richtung nicht passt. Den einen gehen Staatsumbau und Sozialreformen zu langsam, den anderen zu schnell.

Eigentlich müsste auch Sarkozy die Wahlschlappe persönlich nehmen. Doch der gelernte Anwalt, Sohn eines adligen ungarischen Einwanderers und einer jüdisch-griechischen Mutter, hat einen unbändigen Machthunger und schreckt auch vor Treulosigkeit nicht zurück. 1983 jagte er mit 28 als jüngster Bürgermeister Frankreichs seinem Förderer Charles Pasqua, dem späteren Innenminister, das Rathausamt im vornehmen Pariser Vorort Neuilly ab, und 1995 verriet er seinen Ziehvater Jacques Chirac, indem er die Präsidentschaftskandidatur von dessen Konkurrenten Edouard Balladur unterstützte. Als Chirac am Ende doch siegte, musste Sarkozy zwei Jahre lang in die Verbannung.

Der Innenminister, dessen dunkle Augen traurig schauen, selbst wenn er lacht, besitzt einen sicheren Instinkt für den richtigen Zeitpunkt, seinen Förderern in den Rücken zu fallen. „Jean-Pierre wer?“, schimpfte er, als Chirac 2002 nicht ihn, sondern den unbekannten Jean-Pierre Raffarin zum Premier machte. Sarkozy setzte deshalb seinen ganzen Ehrgeiz daran, zunächst als Innenminister zum bekanntesten und beliebtesten Politiker Frankreichs aufzusteigen, der mit seiner amerikanisch inspirierten Null-Toleranz-Politik die Unfall- und Verbrechensraten senkte. So robust, wie er 1993 ein Geiseldrama in Neuilly durch persönliche Verhandlungen mit dem Entführer beendete, ging er 2002 auch gegen das Flüchtlingselend im nordfranzösischen Lager Sangatte vor. Er löste es einfach gemeinsam mit britischen Behörden auf. Sarkozy rettete außerdem den Bildungsminister vor streikenden Lehrern, kämpfte für die Gleichberechtigung der Muslime und attackierte den fremdenfeindlichen Front National. („Meine Vorfahren waren Ausländer. Wen es nach Le Pen ginge, wäre ich nicht Franzose – das wäre doch schade.“)

Mit gestärktem Selbstbewusstsein setzt der Mann, den die Präsidentengattin Bernadette Chirac einmal nach einer Comic-Figur als „petit salaud“, als kleines Arschloch bezeichnet hat, seit einigen Monaten zum großen Sprung an: in den Präsidentenpalast Elysée – als habe er das jüngste Wahldebakel geahnt. Die politische Klasse Frankreichs sei der gesellschaftlichen Entwicklung 20 Jahre hinterher, schimpft er mit Blick auf Chirac, dem er keine dritte Amtszeit mehr gönnt: „Wenn einer weiß, dass seine Tage gezählt sind, dann handelt er schneller,“ setzt Sarkozy nach. Und: an die Präsidenten-Nachfolge denke er „nicht nur morgens beim Rasieren“. Für Chiracs kürzlich verurteilten Parteichef Alain Juppé hatte er schon im vergangenen Jahr die Guillotine gefordert. Als man ihm Zynismus vorwarf, konterte Sarkozy: „Ein Zyniker verbirgt seine Ambitionen. Ich nicht.“

Viele rätseln über das Wesen dieses rastlosen Mannes. Unter Chiracs Beratern im Elysée-Palast heißt es schlicht: Sarkozy sei „zu liberal, zu energisch, zu individualistisch und – zu atlantisch“. Für den Philosophen Marcel Gauchet besitzt Sarkozy ein geradezu „amerikanisches Talent, dem Gegner den Boden unter den Füßen wegzuziehen und dessen beste Ideen für sich zu verwenden“. Und der Sarkozy-Biograf Nicolas Domenach skizziert ihn so: „Er öffnet keine Türen, sondern rennt sie ein, und hinterher verlässt er den Raum meist durch das Fenster oder den Kamin.“

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