Musik Die konservative DivaSeite 2/2

Da sind die guten alten Kapellmeistertugenden, mit denen Thielemann als Korrepetitor, Assistent und Repertoiredirigent an mittleren Opernhäusern groß geworden ist. Auf sie pocht er bis heute, und doch drohen sie ihm längst im Globalisierungsstress seiner Weltkarriere unter den Fingern zu zerbröseln. Als kontinuierlich, mit langem Atem arbeitender Orchestererzieher ist er bisher noch an keinem Wirkungsort hervorgetreten. Die Selbstverpflichtung aufs goldene Dirigentenhandwerk haben andere, der Moderne gegenüber aufgeschlossenere Künstler aus Thielemanns Generation viel selbstverständlicher eingelöst: 18 Jahre hat Simon Rattle in Birmingham gearbeitet, bevor er nach Berlin ging. Die starke, unverwechselbare Dirigentenhandschrift, die Daniel Barenboim der Staatskapelle an der Lindenoper aufgedrückt hat, sucht man beim Orchester der Deutschen Oper vergeblich. Dabei hat Thielemann doch so hartnäckig auf der Macht an seinem Haus beharrt und letztlich alle Diadochenkämpfe und Intrigen für sich entscheiden können. In künstlerische Kraft hat er diese Autorität allerdings zu wenig verwandelt.

Das ist der dezidiert deutsche Interpretationsstil, für den er mit seiner Musik einsteht und den er vor den Furien des Verschwindens bewahren will. Karriereförderndes Markenzeichen ist er, aber auch Repertoiregefängnis und Nachfragefluch. In Amerika und in Wien, in Bayreuth, Salzburg und Berlin – überall will man ihn mit seinem Leib- und Magenrepertoire haben. Thielemann droht sich in der Knochenmühle des internationalen Konzertgeschäfts aufzureiben. Er beklagt die Qualen des Reisens, kurzfristige Absagen häufen sich. In Salzburg gab er im vergangenen Jahr sogar die Uraufführung von Henzes letzter Oper zurück, um Tristan zu dirigieren, das Stück, an dem er besonders leidet, das ihn regelrecht auslaugt. Und die ersten Kommentatoren fangen bereits an, die Entwicklung von Thielemann mit der von Carlos Kleiber zu vergleichen, der Dirigenten-Superprimadonna, die am Betrieb irre geworden ist und sich mit ihrem Mini-Repertorie (fast) vollkommen vom Konzertleben zurückgezogen hat. Davon ist Thielemann freilich noch weit entfernt. Demnächst wird er darüber verhandeln, ob er auch über das Jahr 2007 hinaus GMD an der Deutschen Oper bleiben wird. Und in München tritt er im Herbst sein Amt als neuer Chef der Münchner Philharmoniker an. Seine Anwesenheit wird sich auch dort in einem überschaubaren Rahmen bewegen. Die Stücke, die er dirigieren wird, stehen schon fest. Das Bewährte: viel Bruckner, Brahms, Beethoven, Richard Strauss, garniert mit Henzes zehnter Symphonie und einer Uraufführung. Christian Thielemann bleibt sich treu. Und kommt doch nicht vom Fleck.

 
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