LEBENSZeichen Zunahme

Harald Martenstein kämpft mit dem Laufband

Als ich fünfundzwanzig wurde, es war ein herrlicher Spätsommertag, stellte ich mich nackt vor den Spiegel. Zu sehen war ein berückend schöner Jüngling. Die Augen strahlten wie Smaragde, die Muskeln spannten sich unter der pfirsichfarbenen Haut wie bei einem edlen Windspiel. In den Locken woben Elfen ihre Netze. »Ich will so bleiben, wie ich bin«, sagte ich. Dies stellte sich im Laufe der Jahre als äußerst schwieriges Projekt heraus. Ich würde es nicht direkt ein Gewichtsproblem nennen. Nein. Doch. Ich nenne es direkt ein Gewichtsproblem.

Bei Männern fängt es immer am Bauch an. Der Bauch ist die Zellulitis des Mannes. Ich kenne Männer, die deutlich älter sind als ich, einen Bürojob und keinen Bauch haben. Sie fahren täglich 30 Kilometer Rad, trinken fässerweise Mineralwasser und essen unablässig Gemüse. Das ist sicher nicht die Art Leben, von der sie in ihrer Jugend geträumt haben. Sie dachten: »Eines Tages bin ich Chef, dann fahre ich nach Dienstschluss per Rolls-Royce in die Unterstadt und mache mit Hilfe meiner Knete die ganze Nacht Hully-Gully.« Jetzt sind sie Chef, fahren Rad bis zum Umfallen und essen nach Dienstschluss gedünstete Möhrchen.

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Der neue Chef von Sat.1 ist ein Herr von knapp sechzig und dünner als Pergamentpapier. Er macht Marathonlauf. Es ist mir ein Rätsel, wie man gleichzeitig einen Großbetrieb leiten und Marathon laufen kann, ich schaffe es ohne Großbetrieb kaum zweimal die Woche in die »Fitness-Lounge 90«. Dort laufe ich auf dem Laufband drei Kilometer, eine Zahl, über die Sat.1-Chefs nur lachen können, und sehe dabei Eurosport. Mehrere mit Männern versehene Laufbänder stehen nebeneinander unter dem an der Wand befestigten Bildschirm. Es ist so entsetzlich langweilig. Einmal habe ich versucht, während des Laufens zu lesen, dabei bin ich böse gestürzt, obwohl es nur Focus war. Aber ich bin froh, dass ich wenigstens keine Frau bin und keine kreisenden Bürstenmassagen gegen die Zellulitis machen muss.

Als ich fünfundzwanzig wurde, Teil zwei. Einen Waschbrettbauch besaß ich damals nicht. Waschbrettbäuche waren noch nicht erfunden. Waschbrettbäuche kamen ungefähr zeitgleich mit dem Internet auf den Markt. Von einem bestimmten Tag an bekam man, wenn man eine beliebige Frage stellte, nur die Antwort: »Das steht eh alles im Internet.« Dann schaute man sich den Typ genauer an, und er hatte den Waschbrettbauch. Anfangs dachte ich, die Rillen auf dem Bauch sind dazu da, um den Laptop darauf abzustützen.

Fragen Sie mich bitte mal, auf welchen Nenner ich die geistig-moralische Lage in Deutschland bringen würde und welches Rezept ich für die Wirtschaftskrise habe. Meine Antwort lautet: »Das steht eh alles im Internet.« Wenn man im Internet »Bauch« eingibt, landet man bei einer Fachklinik für Liposuktion. Das ist Fettabsaugung. Sie spritzen auch Sojabohnenextrakt in die Fettpölsterchen, das hilft angeblich langfristig. Kurzfristig führt es zu Rötungen, Juckreiz und Schwellungen. Oder man isst gedünstete Möhrchen und läuft sich einen Wolf. Ich wollte nie so leben, und, wer weiß, vielleicht werde ich hundert.

 * Hören Sie diesen Artikel unter http://hoeren.zeit.de

 
  • Quelle (c) DIE ZEIT 01.04.2004 Nr.15
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  • Schlagworte Rolls Royce | Eurosport | Internet
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