ausbildungsabgabe Unter Brüdern
Nützlich oder zu teuer? Wie die Ausbildungsabgabe die Unternehmer entzweit
Über die geplante Ausbildungsumlage könnten sich die beiden Hamburger Unternehmer Volker Enkerts und Thomas Neddermeyer vermutlich ewig streiten. „Zu teuer. Ich müsste möglicherweise Ausbildungsplätze streichen“, schimpft Enkerts. „Verlockend. Ich würde einen zusätzlichen Ausbildungsplatz anbieten“, verspricht Neddermeyer.
Die Umlage erhitzt seit gut zwei Monaten die Gemüter. Arbeitgeberverbände und der Deutsche Industrie- und Handelskammertag haben sich früh gegen die Umlage ausgesprochen, weil sie wachsende Belastungen für die Betriebe und enorme Verwaltungskosten fürchten. Selbst in Regierung und Koalition ist man uneins: Wirtschaftsminister Wolfgang Clement lehnt sie ebenso ab wie mancher SPD-Ministerpräsident.
Trotzdem will die SPD-Fraktion an diesem Donnerstag den Entwurf für das Berufsausbildungssicherungsgesetz, so der offizielle Name, zur ersten Lesung in den Bundestag bringen. Die Idee dahinter ist simpel: Die Unternehmen, die zu wenig ausbilden, zahlen in einen Fonds ein. Aus diesem Fonds werden jene Betriebe unterstützt, die mehr als nötig ausbilden. Ein Teil des Geldes fließt in außerbetriebliche Ausbildung. Unter dem Strich sollen so 15 Prozent mehr Plätze zusammenkommen, als es unvermittelte Bewerber gibt.
Bis zu 7500 Euro Förderung im Jahr soll ein Betrieb pro zusätzlicher Stelle bekommen, wenn er mehr Auszubildende beschäftigt, als die Quote vorschreibt. Die Quote – also das Verhältnis von Azubis zu sozialversicherungspflichtig Beschäftigten – soll bei sieben Prozent liegen. Wer weniger Plätze anbietet, zahlt. Ersten Beispielrechnungen des Bildungsministeriums zufolge müsste ein Betrieb mit zehn Beschäftigten und ohne Azubis fast 1700 Euro jährlich zahlen, ein Unternehmen mit 1000 Beschäftigten und 50 Lehrlingen etwa 50000 Euro im Jahr. Firmen, die weniger als zehn Mitarbeiter haben, sollen von der Umlage ausgenommen werden – nicht aber von der Förderung.
Enkerts und Neddermeyer, die beiden Unternehmer aus Hamburg, liegen über der Grenze von zehn Mitarbeitern. Volker Enkerts ist Geschäftsführer der Flex-Time Zeitarbeit GmbH. Die Firma beschäftigt 17 „interne“ Mitarbeiter, die in drei Filialen die „externen“ Kollegen managen: Etwa 150 Sekretärinnen, Kaufleute und Bürokräfte, die von Flex-Time bezahlt, aber anderen Firmen überlassen werden. Unter dem Strich macht das 167 Mitarbeiter – mit nur vier Auszubildenden ist Enkerts von der Quote weit entfernt. Ein zusätzlicher Azubi würde ihn etwa 50000 Euro in drei Jahren kosten. Da sei es womöglich günstiger, sagt Enkerts, vorhandene Lehrstellen zu streichen und mit den gesparten Ausbildungskosten die Umlage zu bezahlen. Die Zeitarbeitsfirma scheint ein Sonderfall, weil es absurd klingt, sie zu zwingen, zwölf Azubis zu beschäftigen. Allerdings basiert ihr Geschäftsmodell gerade darauf, dass es Menschen gibt, die von anderen Unternehmen ausgebildet wurden.
Viele Betriebe dürften zudem ähnlich kalkulieren wie Enkerts. Thomas Neddermeyer, der Geschäftsführer der P+N Druckerei und Werbeagentur, hält dagegen: „Wir haben ja auch etwas von den Azubis.“ Schließlich könnten die Lehrlinge mitarbeiten und seien am Ende ihrer Ausbildung bestens mit dem Betrieb vertraut. Die Agentur beschäftigt 21 Mitarbeiter und zwei Auszubildende. „Bei einem Zuschuss von 7500 Euro würde es sich für mich schon lohnen, noch einen weiteren Lehrling einzustellen“, sagt Neddermeyer. Das Beispiel der beiden Unternehmer zeigt, wie weit die Einschätzungen über den Erfolg einer Umlage auseinander gehen. Allerdings: In vielen Punkten sind sich die beiden auch einig.
An der Tür der Flex-Time Zeitarbeit GmbH hängen viele weiße Zettel. Das Unternehmen sucht Sekretärinnen, Kaufleute, Büroassistenten. Weil die Firma vor allem mit qualifizierten Mitarbeitern ihr Geld verdient, spürt sie die Folgen der Ausbildungsmisere deutlich. „Sobald es auch nur eine leichte konjunkturelle Bessererung gibt, fehlen uns überall die Fachkräfte“, sagt Enkerts. „Die Unternehmen müssen dringend mehr ausbilden.“
- Datum 01.04.2004 - 14:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf einer Seite lesen
- Quelle (c) DIE ZEIT 01.04.2004 Nr.15
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:



