wellness-spezial In Gottes Namen Wellness
Vormittags mit den Nonnen Bauch, Beine, Po trainieren, nachmittags Rosenkranz beten. Im Kloster Arenberg bei Koblenz sorgen sich die Dominikanerinnen um Leib und Seele der Gäste
Sie strampelt in schwarzen Strümpfen am Beckenrand. Sie springt in die Höhe, klatscht in die Hände, grätscht die Beine, wirbelt mit den Armen durch die Luft. Ihr Gesicht glänzt rosig, ihre Augen blitzen gut gelaunt. »Flinker, flinker, flinker, zack, zack!«, heizt sie ihre Truppe an, »ich will Wellen sehen.« Neun erwachsene Frauen und ein gestandener Mann tanzen nach ihrem fröhlichen Kommando durchs Wasser, schieben die Wellen an, hopsen im Ringelreihen durchs Becken: Aquafitness, ein stinknormaler Programmpunkt in einem ordentlichen Wellness-Hotel. Nur: Die Animateurin turnt nicht im knallengen Body vor, sondern im wadenlangen weißen Gewand, ihr blondes Haar ist unter einer Haube versteckt, und heute nachmittag werden wir vielleicht zusammen den Rosenkranz beten.
Ich schwimme im Kloster. Bei den Dominikanerinnen in Arenberg, hoch über Koblenz, mache ich Wellness mit Gottes Segen. Dem Dienst am Nächsten widmeten sich die frommen Schwestern schon seit der Gründung des Klosters in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Sie sorgten sich um Jugendliche wie um Alte, gründeten Krankenhäuser weit über die Region hinaus und erweiterten ihr Mutterhaus vor 50 Jahren um ein Kneippkurheim. Ein florierendes Geschäft. Doch in den letzten Jahren stagnierte nicht nur der Nachschub an Nonnen, sondern auch die Nachfrage nach Rückenblitz und Leibauflage. Das Heim wurde unrentabel. »Es musste was passieren. Die Frage war: Wollen wir leben oder sterben?«, sagt sachlich, ohne jeden Anflug von Sentimentalität, Schwester Maris Stella, die Priorin des Konvents.
Die Klosterfrauen fanden es zu früh fürs Sterben, und so entschlossen sie sich, nicht einfach nur ein bisschen zu renovieren und Nasszellen zu installieren, sondern die Zimmer gründlich neu zu gestalten, zwischen den sichtbar gebliebenen alten Backsteinmauern einen lichtdurchfluteten neuen Trakt hochzuziehen, neben Kneippguss und Heuwickel Brandungsbad und Bauchtrainer ins Programm zu nehmen und die tätige Nächstenliebe mit Hilfe einer Marketingagentur zu modifizieren. Das antiquierte Kurheim in einen modernen, sacht vom Geist Gottes durchwehten Wohlfühltempel zu verwandeln war ihnen 15 Millionen Euro wert. Aufgebracht ohne Beistand von Kirche oder Staat, ohne jegliche Förderungsmittel, sondern allein durch Immobilienverkäufe und die Gehälter der Nonnen.
Sich mit dem Begriff Wellness anzufreunden ist jedoch nicht jeder der 60 Schwestern im Mutterhaus – Durchschnittsalter 74 – leicht gefallen. Wellness haben sie deshalb für sich mit Wohlfühlen übersetzt, »Erholen, begegnen, heilen« als Leitmotiv gewählt – und Gott nicht aus den Augen verloren. Fernöstliche Riten bleiben draußen. Ihnen halten sie westliche Traditionen entgegen. Statt Yoga und Zen, Meditation und Rosenkranz. Die ganzheitliche Behandlung von Körper, Geist und Seele ist ihr Credo.
Streng halten die Schwestern an der getrennten Sauna fest
Ganz im Sinne der Ganzheitstherapie habe ich meine Tage im gottgefälligen Wechsel zwischen seelischer und körperlicher Entspannung geplant, was durchaus zu einem voll gespickten Stundenplan führen kann. Um sechs Uhr morgens bereits sitze ich mit 50 Klosterschwestern im Chorgestühl, eine von drei Urlauberinnen, die ein bisschen hilflos in den Gebetbüchern blättern. »Verhärtet nicht, ihr Herzen.« Erst hauche ich noch zaghaft, horche mich ein in den Wechselgesang der Psalmen, dann lasse ich mich führen vom Gesang der Nonnen, halte schließlich mit fester Stimme mit.
Um sieben Uhr startet die gemeinschaftliche Morgengymnastik. In Gelassenheit, ohne jeden Fitness-Ehrgeiz turnen wir im weiten Rund, kreisen mit den Schultern, mit den Hüften, mit den Füßen, breiten langsam, ganz langsam die Arme aus, dehnen und strecken uns, dribbeln auf der Stelle. Mich durchströmt ein angenehmes Gefühl körperlicher Ertüchtigung fern von jeglichem sportlichen Stress.
Den macht höchstens dem besonders Frommen der Terminplan. Um Punkt acht Uhr beginnt mit Musik und kurzer Besinnung der Tag in der Gästekapelle. Mit diesem Raum aus kargem Sichtbeton haben die Nonnen ihren Neubau gekrönt.
- Datum 01.04.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 01.04.2004 Nr.15
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