porträt »…oder man geht zugrunde«Seite 4/4
Goebbels bietet Gottschalk an, die Familie, nach der Scheidung, in die Schweiz gehen zu lassen. Gottschalk lehnt ab; angesichts des Siegeszugs der Wehrmacht, der unaufhaltsamen Eroberung Europas kann er nicht an das Fortbestehen der Schweiz glauben. Dann zitiert ihn Hans Hinkel zu sich ins Propagandaministerium. Der SS-Offizier und Blutordensträger ist »Sondertreuhänder der Arbeit für die kulturschaffenden Berufe«, Goebbels’ Büttel für die »Entjudung« des Kulturbetriebs: »Sie werden sich scheiden lassen, Herr Gottschalk!« und »Wen interessiert es schon, was aus einer Jüdin wird?«
Die Jüdin schreibt am 5. November 1941 einer Freundin: »Meine liebe Fanny, nimm diese Nadel als Andenken mit meinem letzten Lebewohl […] Um uns musst Du nicht trauern, Du weißt, wir sind glücklich…« Und ihr Mann im Abschiedsbrief an seine Mutter: »Meta und der Junge schlafen schon« – als er den Gashahn aufgedreht hat und darauf wartet, dass das Veronal auch bei ihm zu wirken beginnt. Es ist die Nacht auf den 7. November.
»Am Abend kommt noch die etwas peinliche Nachricht«, notiert Goebbels in sein Tagebuch, »daß der Schauspieler Gottschalk, der mit einer Jüdin verheiratet war, mit Frau und Kind Selbstmord begangen hat. Er hat offenbar keinen Ausweg mehr aus dem Konflikt zwischen Staat und Familie finden können. Ich sorge gleich dafür, daß dieser menschlich bedauerliche, sachlich fast unabwendbare Fall nicht zu einer alarmierenden Gerüchtebildung benutzt wird. Wir leben in einer sehr harten Zeit, und das Schicksal nimmt den Einzelmenschen manchmal erbarmungslos vor…« Er untersagt jeden Nachruf. Trotz des Verbots, jüdische und »arische« Tote zusammen zu bestatten, sorgen die Freunde für ein gemeinsames Grab, draußen auf dem Stahnsdorfer Friedhof. Während der Beisetzung fotografieren die Herren der Gestapo – was Ruth Hellberg nicht daran hindert, die Kranzschleife des willfährigen Intendanten Klöpfer wütend abzureißen und wegzuwerfen.
Sechs Jahre und ein Inferno später läuft, als zweiter Film der Babelsberger Defa, Ehe im Schatten in ganz Deutschland an. Millionen Zuschauer erfahren so die Wahrheit über das Schicksal der Gottschalks. Heute sind die meisten von Gottschalks Filmen in den Tiefen der Archive verschwunden. Aber es bleibt die Erinnerung an einen der charmantesten Schauspieler des deutschen Kinos und sein bitteres Ende. An einen Jungen aus Calau, der sein Leben der Kunst weihen wollte.
Der Autor ist Kulturhistoriker und Publizist und lebt in Köln
- Datum 01.04.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 01.04.2004 Nr.15
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