Fahren Sie so lange die Straße herauf, bis Sie den schlanken und hohen Kirchturm vor sich sehen", hatte Flavia Lazzarin gesagt. "Forno di Zoldo" steht auf dem Ortsschild. Es ist elf Uhr vormittags, weit und breit kein Mensch zu sehen. Und doch ist das Dorf inmitten gigantischer Gipfelzacken bis auf den letzten freien Platz voll geparkt. Fast alle Autos haben deutsche Kennzeichen. Hanau, Wesel, Hassfurt, Wagen aus E und N und D. Nur ganz selten eine italienische Nummer.

Etwa 4000 Eisdielen gibt es in Deutschland. 3000 davon stehen unter italienischer Leitung. Außer dem Val di Zoldo mit dem Hauptort Forno di Zoldo, woher ursprünglich fast alle italienischen Eismacher kamen, gehört auch das Nachbartal Val di Cadore in bescheidenerem Umfang zu ihrer Herkunftsregion. Beide Täler liegen in der Provinz Belluno, aus der noch heute 75 Prozent der Eismacher in Deutschland stammen.

Das Val die Zoldo liegt am südöstlichen Rand der Dolomiten und bleibt, wenn man als Fremder aus der Ebene des Veneto hinauf in Richtung Cortina d’Ampezzo fährt, unbemerkt links liegen. Auch die Eismacher befahren die schmale Bergstraße nur zweimal im Jahr: Im Oktober hinauf und Ende Februar wieder hinunter, Stoßstange an Stoßstange mit anderen Eismachern. In den Zeiten dazwischen verirrt sich nur selten ein Fahrzeug in diese enge Schlucht, in der der Maè als reißender Wildbach mit lautem Getöse zu Tal stürzt.

In der engen Bar Sport stehen dicht gedrängt lärmende Männer und wärmen sich auf. Im Fernseher läuft ohne Ton Verstehen Sie Spaß?. Ob jemand das Haus der Signora Lazzarin kenne… "Duecento metri, dopo la chiesa a destra", erklärt der barista und winkt nebenbei kumpelhaft einem Mann zu, der seinen Grappa leer getrunken hat und sich beim Wirt mit den Worten verabschiedet: "Tschö, Diego. Mach et jut!" Eismacher sind zweisprachig, haben aber Dialekte besser drauf als das Hochdeutsche. Der mit der rheinischen Mundart heißt Enzo und hat vor ein paar Jahren seine Eisdiele am Bonner Marktplatz seinem Sohn Robertino übertragen. Enzo Lazzarin ist im Alter von Norbert Blüm, mit dem er im Bonner Marktkrug hin und wieder ein Bier trinkt. Hier im Val di Zoldo sind ihm seine Kollegen dafür dankbar, dass wenigstens eine Bar, weiter oben im Tal, sie alle in der Winterzeit mit Kölsch und Alt versorgt.

Bei Flavia Lazzarin ist der automatische Öffner ihrer Gartenpforte eingefroren, sodass sich die Signora vorsichtigen Schrittes selbst durch den verschneiten Park bemühen muss. Der Hubschrauber, der im Sommer bei Notfällen Kranke aus dem Hochtal ausfliegt, könne im Winter hier nicht landen, sagt sie. Das macht sie bang, und sie gesteht, in Gedanken schon wieder in Freiburg zu sein. In ihrer Eisdiele am Münsterplatz, wenn der Frühling beginnt. Wenn der Frühling beginnt und jeder der Erste sein will bei der Wiedereröffnung der Eiscafés im März. Wenn alle aufbrechen, nur noch die Alten und die Kinder im Dorf zurückbleiben und die Bürgermeisterin Fausta De Feo verzagt, weil bei Abstimmungen im verbliebenen Häuflein der Bürgerschaft sich nie und nimmer ein Quorum erreichen lässt. Der Frühling, der den Ort verwaisen lässt – gefürchtet und herbeigesehnt.

Zur ersten Massenemigration aus dem Hochtal war es gegen Ende des 19. Jahrhunderts gekommen, als ein Hungerjahr auf das andere folgte. In tausend Meter Höhe und für lange Perioden im Schatten gelegen, gaben die wenigen Äcker außer Kartoffeln und Gerste nichts her. Die Ersten, die gingen, verkauften in den Straßen der Veneto-Städte gedünstete Birnen am Holzspieß. Die zweite Auswanderungswelle reichte schon bis Südamerika und Kanada. Doch dann, als ein gewisser Paolo Ciprian 1906 in Wien erstmals eine elektrisch funktionierende Eismaschine in Betrieb nahm – was zeitlich einherging mit der 1904 auf der Weltausstellung in St. Louis vorgestellten ersten essbaren Eistüte –, kam die Wende. In Wien und in deutschen Städten machten die ersten Eisdielen auf. Ihre Besitzer kamen aus dem Zoldotal. Wer kein Lokal fand, schob erst einmal einen zweirädrigen Karren durch die Gegend. Mit buntem Sonnenschirm überm Eiskübel, Klingelglocke und einem stimmgewaltigen Belcanto: Gelato! Der Eismann war da. Generationen von Kindern versetzte er in höchste Glückseligkeit. Dass gelato aus Bella Napoli oder dem sonnigen Sizilien stammt, ist eine Mär.

Flavia Lazzarin ist mit ihren 76 Jahren so etwas wie die Ahnherrin der gelatieri. Sie gehört einer Großfamilie von Eismachern in der fünften Generation an. Signora Lazzarin blickt aus ihrem mit Edelhölzern ausgelegten Salon auf das Dolomitenpanorama und sagt: "Es ist ein bisschen langweilig hier." Seit einem Jahr ist sie Witwe. Ihr Schwiegervater besaß bereits im Jahr 1935 einen Eissalon in Bad Godesberg, wo ihr Mann es während der Kriegswirren noch bis 1944 aushielt. Zum Kriegsende war er in Italien, kam aber schon im Sommer 1945 wieder zurück. Zehn Tage Fußmarsch über die Alpen. Die väterliche Eisdiele in Bad Godesberg lag in Schutt und Asche. Er blieb trotzdem, half beim Wiederaufbau mit, verlegte Eisenbahnschienen und träumte von einer neuen Eisdiele. Als er 1950 zu einem Besuch nach Forno di Zoldo zurückkam, heirateten die beiden. Flavia war 22. Noch am Hochzeitstag brachen sie auf, kamen nach Freiburg. Die Altstadt war eine Trümmerlandschaft. In einem einigermaßen heil gebliebenen Haus fingen sie an. "Schon mit dem ersten Eis, das wir verkauften, kehrte auch wieder ein wenig Freude zurück." Es war harte Arbeit, bis zu 18 Stunden pro Tag, und es wurde eisern gespart. Zwei Kinder wurden geboren, doch für Erziehung blieb keine Zeit. Die Bambini der meisten Eismacher wuchsen im Dorf auf, bei Großeltern, Tanten oder im Konvikt bei den Nonnen des Pensionato Pra Agnoli. Ihre Eltern sahen sie meist nur in den Wintermonaten. "Das ist das größte Opfer, das wir bringen. Aber wir sind es gewöhnt, das Abkoppeln, das Loslassen", sagt Flavia Lazzarin mit leiser Stimme. Gemeinsam mit ihrer Tochter Ingrid und den zwei erwachsenen Enkelinnen Cristiana, 27, und Simone, 25, führt sie heute die beiden Eisdielen im Stadtzentrum von Freiburg. Naht der Winter, wird der Betrieb am Münster geschlossen und an einen Spielwarenhändler weitervermietet, während das Eiscafé am Rathaus mit reduziertem Winterservice weiterläuft.

So sitzen denn vier Eismacher aus drei Generationen in der zweiten Oktoberwoche im Auto, lassen den Schwarzwald hinter sich und nehmen Kurs auf die Dolomiten. Schon hinter dem Brenner, im Pustertal und erst recht hinter Cortina nimmt die Verkehrsdichte auffallend zu. Alle Lazzarins der Republik, all die Eismacher von Rhein und Ruhr fädeln sich ein zu einem langen Konvoi mit dem gemeinsamen Ziel: Forno di Zoldo. Irgendwann taucht in dieser Heimkehrerkolonne auch der silbergraue Audi TT von Robertino Lazzarin und seiner Freundin Lorella auf. Robertino ist 40 und führt seit sechs Jahren den Eissalon seines Vaters am Bonner Markt. Die Untervermietung für die Winterzeit, sagt er, ist in jedem Jahr ein wiederkehrendes Problem. Wer will schon das Risiko eingehen, für nur vier Monate einen Laden aufzumachen? Einmal war es ein Pelz-, dann wieder ein Teppichhändler, doch in den letzten Jahren quartierte sich ein Lebkuchenbäcker aus Nürnberg in Robertinos Eisdiele ein. Das ist deshalb beruhigend, weil Robertino in der Winterpause erst einmal ganz weit weg will. Das Ticket für die Karibik hat er schon in der Tasche. So halten es die meisten unter den jüngeren Eismachern: Sie kommen heim, schauen, wie es der Familie im Dorf geht, bereiten schnell noch das Brennholz für den Winter vor und fliegen auf der Stelle los. Nach Kuba, nach Sharm al-Scheich, auf die Kanarischen Inseln. Cristiana aus Freiburg, die Jüngste im Lazzarin-Clan, zieht es, vom Eise befreit, jeden Winter hinaus in die weite Welt. Dieses Jahr ist Jamaika dran. Wo soll man schon hin, wenn man den Winter über arbeitslos ist? Signora Flavia indes reicht ein Abstecher ins nahe Venedig.